31.12.2013

It's your lucky day


Wir sind noch nicht einmal einen Tag hier, doch wir haben schon so viel erlebt, dass es sich wie eine ganze Woche anfühlt. Ohne wirklich realisiert zu haben, dass wir jetzt in Indien sind, hat man sich schon an so viel gewöhnt. Zeitgefühl ist natürlich noch nicht wieder vorhanden; als wir um 7.50 Uhr am Flughafen in Nagpur ankamen, begann für alle der Tag, und für uns mehr die Nacht. Wir fühlten uns so, als hätten wir schon genug erlebt, die Reise war nicht gerade langweilig.

Bei jeder der tausend Passkontrollen und Gepäcküberprüfungen, durch die wir mussten, wieder Herzklopfen und die Angst, dass wir irgendwo nicht weiterkommen (es hatte uns nicht gerade Mut gemacht, dass wir gleich bei der allerersten Passkontrolle in Frankfurt stecken geblieben sind – wir dürften nicht ohne schriftliche Einverständniserklärung der Eltern fliegen, weil wir ja schließlich alle unter 18 sind. Das hatte sich glücklicherweise mit einem Anruf erledigt, aber wir wussten ja nicht, wo uns dieses Problem noch überall begegnen würde...) und immer die gleiche verwunderte, zweifelnde Miene als wir vier „kleinen“ Mädchen auf die Frage, wohin es denn ginge, antworteten: „Nach Indien!“

Aber das Glück war mit uns auf dieser Reise: wir kamen fast problemlos durch alle Kontrollen, das Gepäck kam überall richtig an, wir mussten nicht einmal Übergepäckkosten bezahlen (obwohl die Koffer deutlich zu schwer waren) und dann bekamen wir auf unserem Flug von Abu Dhabi nach Mumbai auch noch ein Upgrade in die Business Class, mit der Begründung: „It's your lucky day!“ - Wir konnten unser Glück kaum fassen: frisch gepresster Orangensaft; duftende, warme Handtücher zum frisch machen; Sitze, die per Knopfdruck zu Betten wurden (und dann auch noch mit Massagefunktion); Beinfreiheit; Kuschelsocken und Kuscheldecken und ein 4-Gänge-Menü (à la carte) als Vorgeschmack auf die indische Küche (wir wissen immer noch nicht, was wir da eigentlich gegessen haben... es war ungewohnt, aber lecker). Und natürlich für jeden einen eigenen Fernseher mit etlichen Filmen und Musik, den wir aber schon in dem Flug davor hatten, jetzt war er nur größer. Christina und ich hyperventilierten regelrecht vor Luxus, während Maxi und Amelie recht unbeeindruckt blieben, sie hatten so etwas ja schon mal erlebt, im Gegensatz zu uns... Turbulenzen gab es so gut wie gar nicht, trotzdem wird einem dann irgendwann mulmig, von dreimal hochfliegen und landen, wir waren also wirklich erleichtert als wir unser Ziel dann endlich erreicht hatten. Glücklicherweise war es in Nagpur nicht so heiß wie in Mumbai, wo wir alle vier hyperventilierten, aber diesmal vor Hitze und nicht vor Luxus, von diesem war dort am Flughafen nämlich nicht mehr so viel zu spüren. In Nagpur sind die Temperaturen ziemlich perfekt: wir haben angenehme Sommergrade und vor allem sind die Nächte schön mild – dabei reden die Inder die ganze Zeit davon, wie kalt es doch sei, das hier ist ihr Winter.

Mit unserer Laune ging es rasch bergauf als wir dann die (in meinen Augen) unglaublich schöne Stadt Nagpur sahen – mit vielen ungewohnten Bäumen und Pflanzen und den so anders lebenden Menschen. Verkehrsregeln kennt man hier nicht (es gibt sie erst gar nicht)- als wir aus dem Flughafen kamen lag vor uns eine Straße mit lauter dauerhaft hupenden Autos; zu Beginn ist das echt komisch aber ich habe mich jetzt schon daran gewöhnt, es hupt einfach immer und überall. Philip, der Vater der Familie, die uns betreut, erklärte mir, dass das hier (anders als in Deutschland) überhaupt nicht böse gemeint ist, während er mich zu dem Gelände, auf welchem wir an den Wochenenden und bis zum Ende der Weihnachtsferien wohnen werden fuhr. Diese erste Fahrt durch Nagpur haute mich um- alles ist so anders hier! Aber ich habe mich jetzt schon in die Stadt und in den Umgang der Menschen miteinander verliebt.

Die anderen drei wurden von Philips Sohn, David, mitgenommen und waren schon da als ich kam. Das Gelände des NCCI (National Council of Churches in India) hat mich umgehauen, die schönen Blumen und Wege und alten Häuser... Es hat alles eine gewisse Sympathie, wie man sie in Deutschland nicht kennt. Und auch die Familie ist so unglaublich lieb(wir lernten dann noch Mutter und Tochter kennen), wir fühlten uns gleich wie zu Hause. Mit Blumenketten und rotem Pulver wurden wir traditionell empfangen und stellten uns alle bei einer Tasse waschechtem Chai Latte vor. Nach einer kurzen „Unterrichtsstunde“, wo wir Grundlagen in Hindi lernten, nutzten wir unsere Freizeit allesamt zum Schlafen, denn irgendwann wurde sogar ich müde. Und leicht fiel es uns auch nicht, nach knapp 3 Stunden Schlaf wieder aufzustehen, uns fertig zu machen und kurz Mittag zu essen (naja, Mittagszeit war es nicht mehr ganz) um dann 16 Uhr in einer indisch-orthodoxen Kirche zu sein – und zwar um eine Hochzeit mitzuerleben, zu der wir eingeladen wurden. Sonderlich viel Text konnten wir nicht verstehen (aber nicht einmal unsere Gastschwester Maria konnte das), abgesehen von ein paar englischen Einwürfen - dennoch war es eine interessante Erfahrung; wir sahen etliche wunderschöne bunte und glitzernde Saris, viele Menschen und wurden tausendmal vorgestellt. Als einzige europäische Gäste bekamen wir sogar die Ehre, dem Ehepaar Blumenketten aus Rosen und Jasmin umzuhängen und wir bekamen mit, dass man auch hier den „auf-die-falsche-Schulter-tippen“-Trick kennt und darauf hereinfällt! Nach einer weiteren Abenteuerfahrt
durch die Stadt (wir alle haben festgestellt, dass wir es lieben einfach nur durch die Stadt zu fahren und aus dem Fenster zu schauen, damit könnte man Stunden zubringen!) waren wir bei der Gastfamilie zuhause und bekamen wieder Tee und leckere Süßigkeiten, von denen wir allerdings nur probiert haben, denn keiner von uns war hungrig. Und auf der anschließenden Hochzeitsfeier haben wir auch alle nicht allzuviel gegessen- anders als beim Mittagessen gab es hier natürlich nicht extra mildes Essen... Wir alle waren froh dann irgendwann wieder in unseren Betten zu sein, wir haben viele Eindrücke zu verarbeiten.
Vivi (und Christina) 
 
 
 
 

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