





Bei jeder der tausend Passkontrollen
und Gepäcküberprüfungen, durch die wir mussten, wieder Herzklopfen
und die Angst, dass wir irgendwo nicht weiterkommen (es hatte uns
nicht gerade Mut gemacht, dass wir gleich bei der allerersten
Passkontrolle in Frankfurt stecken geblieben sind – wir dürften
nicht ohne schriftliche Einverständniserklärung der Eltern fliegen,
weil wir ja schließlich alle unter 18 sind. Das hatte sich
glücklicherweise mit einem Anruf erledigt, aber wir wussten ja
nicht, wo uns dieses Problem noch überall begegnen würde...) und immer
die gleiche verwunderte, zweifelnde Miene als wir vier „kleinen“
Mädchen auf die Frage, wohin es denn ginge, antworteten: „Nach
Indien!“
Aber das Glück war mit uns auf dieser
Reise: wir kamen fast problemlos durch alle Kontrollen, das Gepäck
kam überall richtig an, wir mussten nicht einmal Übergepäckkosten
bezahlen (obwohl die Koffer deutlich zu schwer waren) und dann
bekamen wir auf unserem Flug von Abu Dhabi nach Mumbai auch noch ein
Upgrade in die Business Class, mit der Begründung: „It's your
lucky day!“ - Wir konnten unser Glück kaum fassen: frisch
gepresster Orangensaft; duftende, warme Handtücher zum frisch
machen; Sitze, die per Knopfdruck zu Betten wurden (und dann auch
noch mit Massagefunktion); Beinfreiheit; Kuschelsocken und
Kuscheldecken und ein 4-Gänge-Menü (à la carte) als Vorgeschmack
auf die indische Küche (wir wissen immer noch nicht, was wir da
eigentlich gegessen haben... es war ungewohnt, aber lecker). Und
natürlich für jeden einen eigenen Fernseher mit etlichen Filmen und
Musik, den wir aber schon in dem Flug davor hatten, jetzt war er nur
größer. Christina und ich hyperventilierten regelrecht vor Luxus,
während Maxi und Amelie recht unbeeindruckt blieben, sie hatten so
etwas ja schon mal erlebt, im Gegensatz zu uns... Turbulenzen gab es
so gut wie gar nicht, trotzdem wird einem dann irgendwann mulmig, von
dreimal hochfliegen und landen, wir waren also wirklich erleichtert
als wir unser Ziel dann endlich erreicht hatten. Glücklicherweise
war es in Nagpur nicht so heiß wie in Mumbai, wo wir alle vier
hyperventilierten, aber diesmal vor Hitze und nicht vor Luxus, von
diesem war dort am Flughafen nämlich nicht mehr so viel zu spüren.
In Nagpur sind die Temperaturen ziemlich perfekt: wir haben
angenehme Sommergrade und vor allem sind die Nächte schön mild –
dabei reden die Inder die ganze Zeit davon, wie kalt es doch sei, das
hier ist ihr Winter.
Mit unserer Laune ging es rasch bergauf
als wir dann die (in meinen Augen) unglaublich schöne Stadt Nagpur
sahen – mit vielen ungewohnten Bäumen und Pflanzen und den so
anders lebenden Menschen. Verkehrsregeln kennt man hier nicht (es
gibt sie erst gar nicht)- als wir aus dem Flughafen kamen lag vor uns
eine Straße mit lauter dauerhaft hupenden Autos; zu Beginn ist das
echt komisch aber ich habe mich jetzt schon daran gewöhnt, es hupt
einfach immer und überall. Philip, der Vater der Familie, die uns
betreut, erklärte mir, dass das hier (anders als in Deutschland)
überhaupt nicht böse gemeint ist, während er mich zu dem Gelände,
auf welchem wir an den Wochenenden und bis zum Ende der
Weihnachtsferien wohnen werden fuhr. Diese erste Fahrt durch Nagpur
haute mich um- alles ist so anders hier! Aber ich habe mich jetzt
schon in die Stadt und in den Umgang der Menschen miteinander verliebt.
Die anderen drei wurden von Philips
Sohn, David, mitgenommen und waren schon da als ich kam. Das Gelände
des NCCI (National Council of Churches in India) hat mich umgehauen,
die schönen Blumen und Wege und alten Häuser... Es hat alles eine
gewisse Sympathie, wie man sie in Deutschland nicht kennt. Und auch
die Familie ist so unglaublich lieb(wir lernten dann noch Mutter und
Tochter kennen), wir fühlten uns gleich wie zu Hause. Mit
Blumenketten und rotem Pulver wurden wir traditionell empfangen und
stellten uns alle bei einer Tasse waschechtem Chai Latte vor. Nach
einer kurzen „Unterrichtsstunde“, wo wir Grundlagen in Hindi
lernten, nutzten wir unsere Freizeit allesamt zum Schlafen, denn
irgendwann wurde sogar ich müde. Und leicht fiel es uns auch nicht,
nach knapp 3 Stunden Schlaf wieder aufzustehen, uns fertig zu machen
und kurz Mittag zu essen (naja, Mittagszeit war es nicht mehr ganz)
um dann 16 Uhr in einer indisch-orthodoxen Kirche zu sein – und
zwar um eine Hochzeit mitzuerleben, zu der wir eingeladen wurden.
Sonderlich viel Text konnten wir nicht verstehen (aber nicht einmal
unsere Gastschwester Maria konnte das), abgesehen von ein paar
englischen Einwürfen - dennoch war es eine interessante Erfahrung;
wir sahen etliche wunderschöne bunte und glitzernde Saris, viele
Menschen und wurden tausendmal vorgestellt. Als einzige europäische
Gäste bekamen wir sogar die Ehre, dem Ehepaar Blumenketten aus Rosen
und Jasmin umzuhängen und wir bekamen mit, dass man auch hier den
„auf-die-falsche-Schulter-tippen“-Trick kennt und darauf
hereinfällt! Nach einer weiteren Abenteuerfahrt
durch die Stadt (wir alle haben
festgestellt, dass wir es lieben einfach nur durch die Stadt zu fahren
und aus dem Fenster zu schauen, damit könnte man Stunden zubringen!)
waren wir bei der Gastfamilie zuhause und bekamen wieder Tee und
leckere Süßigkeiten, von denen wir allerdings nur probiert haben,
denn keiner von uns war hungrig. Und auf der anschließenden
Hochzeitsfeier haben wir auch alle nicht allzuviel gegessen- anders
als beim Mittagessen gab es hier natürlich nicht extra mildes Essen...
Wir alle waren froh dann irgendwann wieder in unseren Betten zu sein, wir haben viele Eindrücke zu verarbeiten.
Vivi (und Christina)
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