25.01.2014

Mumbai


Okay, bevor wir jetzt alle in Tränen ausbrechen, so schnell war es dann auch wieder nicht vorbei! :)
Da gab es doch noch eine letzte Station auf unserer großen, abenteuerlichen Reise durchs bunte Land, und diese trug den Namen Mumbai!
Der Abschied am Morgen DES Tages, der uns wieder nach Hause bringen sollte, lief eher etwas stürmisch als tränenreich ab, also keinen Grund jetzt sentimental zu werden.
Wir kamen gerade einmal 20 Minuten vor Abflug am Flughafen in Nagpur an, ja ist ja klar, "Indian Time" eben.
Nachdem uns Bibi und Philipp am Eingang entlassen hatten, tauchte auch gleich schon die erste Überraschung auf, mein Koffer wurde eingezogen mit der Frage: "Any Powder inside?", die ich nur freundlich mit "Rangoli Powder" beantwortet, was ich unbedingt mitnehmen wollte um damit im Frühling ein Rangoli vor unser Haus zu malen.
Ich öffnete also den Koffer, kramte diesen noch einmal komplett um und zog dann irgendwann die Rangoli Farbe heraus, für ein deutsches, weißes Mädchen wie mich, gab es natürlich überhaupt keine Probleme dieses mitführen zu dürfen.
Mit einem Lächeln entschuldigte sich der nette Mann für die Umstände, die er mir bereitet hatte und entließ mich zum Einchecken, was wir wirklich auch dringend erledigen mussten.
Der anschließende Flug verlief reibungslos, wir alle wunderten uns, wie schon auf dem Hinflug, dass der Captain bereits nach einer halben Stunde die Anschnallzeichen einblenden ließ und die Durchsage zur bevorstehenden Landung machte.
Mumbai war für uns aus weiter Ferne schon erkennbar, denn das Erste, was man auf einem Flug über die Stadt erkennen kann ist der größte Slum Asiens, direkt neben dem Flughafen.
Auf der Hinreise hatte ich diesen als allererstes gesehen und war absolut verstört in den nächsten Flieger gestiegen mit dem Bild im Kopf, das so also Indien aussieht.
Heute, vier Wochen später, weiß ich, das Indien eben sowohl die eine als auch die andere Seite hat und ich war mir diesmal ganz sicher, dass hinter dem Dreck und Gestank des Slums eine wunderschöne und bunte Stadt auf uns warten würde.
Meine Hoffnungen sollten nicht enttäuscht werden. Als wir aus dem Flughafengebäude heraustraten, strahlte uns eine heiße Mittagssonne ins Gesicht, der Flughafen war von Palmen gesäumt und zwischen den vielen Menschen erspähten wir Maria und Philipp, die Kinder der Kuruvillas, die wir seit nun mehr drei Wochen nicht gesehen hatten.
Als wären wir die ältesten und dicksten Freunde vielen wir uns alle lachend in die Arme und waren einfach nur voller Vorfreude auf den uns bevorstehenden Tag mit den Beiden.
Im Auto ging es zunächst auf einer einstündigen Fahrt durch die Stadt, dabei sahen wir die unterschiedlichsten Menschen auf den Straßen, viel mehr Weiße auf einmal als man sich in Indien erträumen ließe, Paare, die an der Promenade saßen und ganz öffentlich Zärtlichkeiten austauschten und Inderinnen in kurzen Shorts.
"Mumbai ist eben eine Großstadt, hier ist alles möglich" lautete Marias Kommentar zu unseren verwunderten Gesichtern.
Doch, so langsam verstehe ich wirklich den Unterschied zwischen den kleinen, traditionellen und großen, boomenden Städten.
Auch wenn Nagpur größer als jede deutsche Großstadt ist, ist sie für indische Verhältnisse eben doch nur ein Städtchen.
Und als wir am Gateway of Mumbai angekommen waren, dem Platz überhaupt, wurde uns die Dimension dieser Stadt wohl auch zum ersten Mal so richtig bewusst.
Riesige Luxushotels säumten den Platz, große Autos wurden von Tiefgarage zu Tiefgarage gefahren und das geschäftige Treiben war unglaublich mitreißend, dass wir uns direkt auf in den Strom machten um uns in unser letztes Shoppingvergnügen auf einem der vielen Märkte hier stürzten.
Fast schon verzweifelt wurden die letzten Rupien für ein paar Kissenbezüge, Schmuck und kleine Mitbringsel ausgegeben.
Es machte, wie immer, einfach nur riesigen Spaß durch die bunte Vielfalt zu schlendern und die vielen Eindrücke auf sich wirken zu lassen.
Nach einem kleinen Lunch gingen wir zur wunderschönen Promenade und sahen endlich unser geliebtes Meer.
Mit frisch gepresstem Mangosaft, welcher der süßeste war, den ich jemals irgendwo getrunken hatte und dabei ist noch nicht einmal Mangosaison... ließen wir uns auf der Mauer zwischen den vielen Paaren nieder.
Die Sonne brannte heiß, aber wir genossen die wahrscheinlich letzte große Hitze und beobachteten die auslaufenden Schiffe auf ihrem Weg in die unendliche Weite des Meeres.
Es blieb nicht viel Zeit und ein Tag ist definitiv zu kurz um so eine interessante Stadt, wie Mumbai es ohne Frage ist, zu entdecken.
Doch mit Maria und David als Reiseführer, sozusagen waschechten Mumbaianern sahen wir viele großartige Orte, tolle Gartenanlagen und einen Aussichtspunkt von dem aus man auf die ganze Stadt sehen konnte.
Ehe wir uns versahen, verschwand die Sonne schon langsam hinter dem Meer, was für uns den Rückweg zum Flughafen bedeutete.
Wir alle waren furchtbar müde und hatten eigentlich nicht wirklich eine Ahnung, wie wir jetzt noch die ganze Nacht auf den Beinen bleiben sollten.
Wir fuhren an der einzigen Kuh vorbei, die ich hier in Mumbai erspähen konnte und sicherlich auch die letzte, die ich auf irgendeiner Straße erst einmal sehen sollte, an den Paaren auf der Promenade und dem größten Slum Asiens über dem ein großes Plakat mit der Aufschrift " Reisen sie nach Dubai zum Wintershopping" aufgehängt war.
Wie paradox dieses Land doch ist.
Und eh wir uns versahen standen wir mit unseren Koffern vor dem Flughafen und nun wurde auch mir zum ersten Mal klar, wie bald nun alles zu Ende sein würde.
David und Maria drückten uns jeweils einen Kuss auf die Wange, dann verschwanden sie im Getümmel, Hand in Hand und mit lächelnden Gesichtern...
In diesem Moment ging uns wohl allen ein anderer Gedanke durch den Kopf, Vivi für ihren Teil, war sicherlich erst einmal einfach nur traurig, ihrem geliebten Indien auf Wiedersehen sagen zu müssen und auch Christina schien etwas wehmütig, Amelie war immer noch voller Vorfreude auf zu Hause und sah diesen schönen letzten Tag einfach als einen gelungenen Abschluss und ich, ja ich, sah mich zunächst einmal bald wieder in dem von mir so verhassten Flugzeug sitzen und das für die nächsten neun Stunden, mich erfasste auf einmal auch eine Welle der Traurigkeit und das hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten, denn bisher überwog auch für mich die Freude auf zu Hause...
Doch, so schnell geht es eben, dass man sich an die Menschen und die Umstände gewöhnt, sie lieben lernt und nur schweren Herzens wieder gehen lässt.

Ich bin nicht gerade der Mensch für die großen, theatralischen Schlussworte, ebenso wenig wie ich für`s "Auf Wiedersehen" sagen gemacht bin und deshalb ende ich hier ganz einfach mit einem Danke!
Danke für die Zeit, für die Erfahrung, die ich nirgendwo sonst hätte machen können, für die Menschen, die uns begegnet sind und uns auf unserem ganzen Weg begleitet haben, Danke für die Unterstützung aus unserm zu Hause, für die langen Skypekonferenzen, die oft Tränen getrocknet und Lächeln gezaubert haben, Danke an unsere Sponsoren, ohne die dieses große Abenteuer niemals möglich gewesen wäre, danke an unsere Lehrer, die sich in langen Prozeduren extra Klausuren für uns ausgedacht haben um uns für unsere Reise vom Schulstress weitgehend zu befreien und danke an euch drei, Vivi, Christina und Amelie, dafür, dass wir so eine tolle Gruppe waren, in der Einer für den Anderen da war und die so herrlich bunt gemischt war, dass jeder Charakter unabdingbar gewesen ist.
Ich bin wirklich sehr, sehr dankbar und ich habe mir vorgenommen, es jeden Tag auf Neue zu sein, für all das, was ich habe, was ich sehen durfte und noch sehen werde.
Vielleicht sollten wir alle ein bisschen öfter Danke sagen.
Und damit, möchte ich enden.

Maxi

24.01.2014

मेहंदी

Einen besseren letzten Tag in Nagpur hätte man sich wohl kaum wünschen können. Und ich habe es tatsächlich die meiste Zeit geschafft, zu verdrägen, dass es eben dieser ist: der letzte. Und nun sitze ich mitten in der Nacht auf dem Bett, und obwohl ich eigentlich dringend schlafen müsste, höre ich die Indien-Playlist und verfasse noch einen letzten Blogeintrag.

So normal der Tag begann, so unnormal endete er. Er begann mit einem Schulbesuch: 10 Uhr wurden wir von Maxis Gastvater abgeholt und durch viele fremde Gegenden (die vier Wochen haben also noch nicht einmal gereicht, um Nagpur vollständig kennenzulernen) zu einer Schule gebracht, an welcher Maxis Gastmutter Deutsch unterrichtet. Mal wieder begegneten wir dort tausenden von Gesichtern, die uns mit Staunen betrachteten. Auf einer ziemlich großen Bühne sitzend, tanzte man mal wieder für uns (man muss sagen, die Jungs überraschten uns mit ihrem Können) und hieß uns Willkommen, anschließend gab es die übliche interaction time, in welcher man uns Fragen stellte - und zwar zur abwechslung mal alles auf Deutsch! Die Konversationen waren zwar dementsprechend vielseitig, aber es war trotzdem ein schönes Gefühl. Und statt dem anschließenden Tea gab es indischen Kaffee - zu unserer aller Freude, denn ich liebe zwar den indischen Tee, aber den Kaffee mindestens genauso, und den haben wir erst viel zu selten bekommen.

Im NCCI warteten bereits zwei Mädchen mit Henna-Farbe auf uns. Unser Lunch war demzufolge ziemlich hektisch - umso ruhiger dann allerdings das viele Warten, während wir uns von den beneidenswert talentierten Mädchen Hennas machen lassen haben.

Und als wir die Farbe an der Sonne trocknen ließen, machten wir noch ein paar tolle Bekanntschaften mit Volleyballspielern aus Nordindien, die wir sowohl von ihrem Aussehen als auch ihrer Sprache her zuerst eher China als Indien zugeordnet hätten. Das Kofferpacken verschob sich also um weitere zwei Stunden nach hinten - wofür ich gar nicht so undankbar war, denn alles, was damit zu tun hat, dass ich Indien bald verlassen muss, verschiebe ich gerne so weit wie möglich nach hinten.

Glücklicherweise kamen Bibi und Philip ziemlich viel später als sie angekündigt hatten, sonst hätte ich das Packen wohl kaum geschafft. Und in demselben weißen Minibus, mit dem Philip mich am allerersten Tag hier vom Flughafen ins NCCI gefahren hat, sind wir noch ein letztes Mal durch Nagpurs Nachtleben gefahren und haben ein paar Kiosks besucht, uns dann in ein Café gesetzt, in dem wir die süßesten Milchshakes und Kaffegetränke und den schokoladigsten Schokoladenkuchen meines Lebens zu uns genommen und noch einmal unsere Erlebnisse in Indien ausgewertet haben. Und zum Schluss haben wir am Straßenrand noch eine ganze Menge Obst für unser letztes indisches Frühstück gekauft, unser letztes indisches Frühstück.
(Welches schon in fünf Stunden sein wird, die wir nicht damit verbringen sollten, daran zu denken, dass wir schon morgen mein neues Lieblingsland verlassen werden - und wer weiß, wann ich jemals wiederkomme.)



Vivi
 
 

23.01.2014

Zurück in der Stadt


Auch wenn ich jetzt schon für heute, den Freitag, spoilere: Es ist unfassbar schwer mit noch nicht ganz durchgetrockneten Henna-Tatoos an Händen und Füßen einen Blogpost zu verfassen.
Allgemein ist es schwer, Zeit für das Schreiben jetzt in den letzten Tagen zu finden, da sich die Ereignisse überschlagen und kaum eine freie Minute bleibt. Deswegen komme ich auch erst heute dazu, über den gestrigen Tag zu berichten. Ich bitte darum einen bündigen Statusbericht zu entschuldigen.

Früh und noch dunkel war es mal wieder, als wir Kalmeshwar endgültig den Rücken zukehrten. Es war so früh und keiner von uns war wirklich so wach, um zu realisieren, dass wir nun die Schule und die Kinder, die Kindermädchen, die Lehrer, Bijesh Achen und nicht zuletzt unseren liebgewonnen Abhish(r)ek hinter uns ließen und das alles wahrscheinlich nie, beziehungsweise in naher Zukunft ersteinmal, wiedersehen würden. Wahrscheinlich war das besser so, denn Abschiede sind immer eine schwierige Sache. Ein letztes Mal also fuhren wir durch das erwachenende Dorf und über die Landstraßen, mit Hunden, Kühen, Schulkindern auf ihrem Weg und beteten Menschen an den Straßenrändern in Richtung indische Kleinstadt.

Zurück in unsere NCCI-Unterkunft zu kommen ist immer ein bisschen wie Nachhausekommen, da es unsere erste Unterkunft hier in Indien war, und wir dorthin immer gerne zurückkamen.
Auf unserer Tagesagenda stand heute nur eines: Shoppen mit Rucha!
11:30 Uhr kam sie uns abholen und wir stürzten uns prompt in das Menschengetümmel der Innenstadt. Wir begannen mit Food-Shopping im Haldiram's. Ein wahrer Tempel des kulinarischen Genusses. In Vitrinen ist alles über und über mit diversen süßen Köstlichkeiten gefüllt und es ist kein Problem, sich einfach von vorne nach hinten durch zu probieren. Empfehlung für alle Indien-Reisenden: Auf jeden Fall Zeit für einen Haldiram's Shop nehmen und vorher nicht frühstücken.
Danach hieß es Schuhe, Kurtas, Oberteile, Schals, Schmuck und diverses anderes Zeug erwerben, an dem man einfach nicht vorbei gehen kann, wenn man schon mal in Indien ist.
Dabei war es immer ein ganz neues Einkaufserlebniss, je nach dem ob wir in einer Mall (exakt wie eine uns aus der westlichen Welt bekannte), in einem Straßenladen oder auf dem Markt waren.
Zu viel sollte allerdings nicht verraten werden, was wir da so erstanden haben, denn wir möchten euch die Spannung auf unsere indischen Errungenschaften (noch) nicht nehmen. Ihr seht es ja bald in echt.

Abends gab es dann leckeres Essen in einem Straßenrestaurant mit unserer lieben Rucha. Wir kamen erst spät wieder zurück ins NCCI und fingen schon mal an, unsere Koffer zu packen.
Damit werde ich jetzt auch weitermachen, damit dann alles gepackt ist und belasse den Blogeintrag über unseren erfolgreichen Einkaufstag damit so kurz. Bis bald in Deutschland!

Amelie

22.01.2014

Blumen im Staub

 
Aber wie so oft schliefen wir nicht, sondern redeten noch lange. Darüber, wie glücklich wir hier sind, und wie glücklich wir darüber sind, diese Entscheidung getroffen zu haben, hierher zu kommen, und darüber, wie wir die Spinnen loswerden.
 
 Diese Sätze habe ich an unserem ersten Tag hier in Kalmeshwar geschrieben. Nichts daran hat sich geändert, ich bin noch immer genauso glücklich wie vor drei Wochen, es gibt nichts, absolut nichts, was mich diese Entscheidung bereuen lassen könnte - nicht einmal ansatzweise. Und was die Spinnen angeht: Die sind neben den Fröschen und Schlangen wohl mittlerweile wortwörtlich unser kleinstes Problem.
  Dies ist der erste Text, der mir wirklich schwer fällt. Immer fasste sich alles wie von selbst in Worte, die Ereignisse, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Aber jetzt, wenn unsere Zeit hier in Indien langsam zur Neige geht... Wo fängt man an, wenn alles gerade endet?
  Heute war ein schwerer Tag. Heute war der Tag des Abschieds - Abschied von Kalmeshwar, von den Kindern, die wir doch gerade erst kennengelernt haben, von Father Bijesh, der Competition-Time, den Küchenfrauen und Lehrern. Wir haben immer gesagt, diese Zeitspanne der vier Wochen sei perfekt, nicht zu kurz, nicht zu lang, doch je mehr Zeit vergeht, desto bewusster wird mir, dass sie sehr wohl zu kurz ist. Viel zu kurz. Wir haben Indien noch nicht einmal ansatzweise begriffen. Nicht, dass ich diese Illusion jemals gehabt hätte - Indien verstehen zu können, das ist wahrscheinlich nicht einmal den Indern vorbehalten. Wir können also nichts weiter als erleben und genießen. Und das tun wir, Tag für Tag aufs Neue, und es gibt immer wieder etwas, das uns begeistert und fasziniert. Aber auch für die Arbeit mit den Kindern ist die Zeit viel zu kurz. Wir lernen sie und ihre Stärken und Schwächen immer besser kennen, so gibt es in unserer Klasse ein Mädchen, das besonders gut zählen kann, und einen hyperaktiven Jungen, der immer mit Leib und Seele mitsingt. Erst jetzt, in der letzten Woche, hat Simon, der kleine taubstumme Junge, von ganz allein nach meiner Hand gegriffen, als ich neben ihm saß.
  Am ersten Tag, als wir hier in Kalmeshwar ankamen, waren wir froh über das Lächeln der Kinder, jetzt sind wir Teil davon.
Und von all dem hieß es heute Abschied nehmen. Heute Morgen aßen wir unser letztes Frühstück hier in Kalmeshwar, wir fuhren ein letztes Mal mit dem gelben Schulbus zur Pioneer School, wir sahen die Kinder und Lehrer dort zum letzten Mal. Sie hatten etwas Besonderes für uns vorbereitet. Wir wurden aufs Dach geführt, auf dem die Kinder in bunten Kleidern auf uns warteten. Und nicht nur sie, auch der Schulleiter und mehrere andere Personen, unter anderem sogar ein Reporter. Die Kinder tanzten uns in weißen Kleidern, die wohl jedes kleine Mädchen neidisch gemacht hätten (und wenn wir ehrlich sind, auch uns), einen indischen Tanz vor, und dann sollten wir, nachdem die noch kleineren einen weiteren Tanz aufgeführt hatten, mittanzen. Ich muss sagen, Indien bringt mich dazu, eine Menge Dinge zu tun, die ich sonst eher nicht freiwillig getan hätte; Eiskalt duschen, kochen, Sport machen, tanzen, ich betone tanzen. Wobei es wohl niemanden auf der Welt gibt, der einen besseren Hüftschwung hat als der kleine Junge rechts im Bild. 
 
 
 
 
Nach ein paar weiteren Snacks und einem Foto für die Zeitung fuhren wir wieder zurück zur Prerana School. Auch dort gab es einen Farewell für uns, und wieder tanzten die Kinder, auch hier tanzten wir (und ich habe ganz genau gesehen, wie uns der Lehrer ausgelacht hat), wir sangen für die Kleinen und sie schenkten uns ein Plakat, auf dem sie alle unterschrieben haben. Es ist nicht zu fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie kann es sein, dass wir all diese Kinder schon wieder verlassen müssen?
 
 
Zum Tea gab es heute für uns Panipuri, weil die Küchenfrauen gehört hatten, dass wir die Wasserbälle mögen, und Schokoladenkuchen, danach zeigten uns zwei der Frauen eine indische Kunst, genannt Rangoli. Dabei streut man buntes Pulver in Mustern auf den Boden, erst zieht man mit weiß die Linien, dann füllt man die Flächen mit Farben. Nachdem wir es erst einmal mit "ausmalen" probiert hatten, gestalteten wir letztendlich unsere ganz eigenen Rangoli.
 
 
 
Nach dem Dinner trafen wir uns zum letzten Mal mit Father Bijesh, und ich muss sagen, er ist eine unglaublich inspirierende Person. "There is always hope", das hat er gesagt, er, der das Christsein lebt, er, dem es das Leben so schwer gemacht hat Er scheint zum Geschichten erzählen geboren zu sein. Wir saßen dort in dem Bewusstsein, dass das wahrscheinlich das letzte Mal sein wird, und hörten ihm mit einem Kloß im Hals zu. Er hat eine wirklich ergreifend traurige Lebensgeschichte, und nicht nur er, auch beinahe alle anderen, die hier arbeiten. Sie alle kommen aus armen Familien, haben kranke Familienmitglieder und kein Geld, sie alle sind hier, weil sie die Kinder lieben und ihnen diese Arbeit über alles geht. Das ist das Lebensgefühl, das an Indien so bewundernswert ist. Das und so viel mehr. 
 
Auch in dieser Nacht schlief ich noch lange nicht, wach gehalten von den Gedanken, die mir nach dem Gespräch mit Father Bijesh unweigerlich im Kopf herumschwirren. Und mir wird bewusst, dass mir Father Bijesh, all die anderen, die ich hier getroffen habe, und Indien etwas gegeben haben, das mit keinem Geld der Erde zu kaufen ist. Hope.


Christina

21.01.2014

Gandi Baat

Das erstaunlichste an Indien sind wirklich die Menschen und zwar immer wieder und jeden Tag aufs Neue.
Das sie gerne Fotos machen und Bilder bei Facebook hochladen wissen wir ja nun schon aber, dass uns wirklich jeden Tag ein neues und noch extremeres Ausmaß des Ganzen erwarten würde, hätten wir uns nicht vorstellen können.
Doch Indien ist mit seinen tausend Facetten und Gesichtern immer wieder für Überraschungen gut und so sollte auch dieser Tag wieder voll davon sein.
Nachdem wir an der Pioneer English Medium School wieder ein bisschen getanzt hatten, worüber wir nun mittlerweile selbst nur noch lachen können, weil wir für Außenstehe unglaublich komisch aussehen müssen, stand ein erneutes School Visiting des örtlichen Science Colleges auf den Plan.
Na super, Naturwissenschaften sind natürlich unser Fachgebiet, weshalb wir auch unglaublich begeistert waren von den ganzen Chemielaboratorien, die übrigens den gleichen penedranten Gestank versprühen wie in Deutschland und den Beamern, die es tatsächlich auch schon in indische Klassenzimmer geschafft haben.
Noch mehr beigeistert waren allerdings die Studenten des Colleges und zwar von uns.
Nun ja, für ihre Gastfreundlichkeit sind sie bei uns nun bereits bekannt auch für die Samosa und Kata Meeta Snacks natürlich nicht ohne einen Chai Tea und auch für die vielen Fragen über Hitler, die wir auch durchaus gerne beantworten.
Als dann aber nach der Interaction mit den Studenten, bei der mehr gesungen wurde als alles andere, von uns natürlich die typischen deutschen Weihnachtslieder und auf unsere Wunsch von den Studenten Gandi Baat, unser neues Lieblingslied( Hörprobe: siehe Youtube Verlinkung oben), auf einmal alle Studenten in einem Riesenpulk auf uns zustürzten waren wir schon etwas überfordet.
Auf einmal bildete sich um jede von uns ein Kreis von schreienden Fans.
Natürlich kamen auch wieder die typischen Fragen nach dem Facebooknamen, der E-Mail Adresse und so weiter, doch auch diese waren noch steigerbar.
Auf einmal hielten mir ein paar Jungs ihre Arme hin und drückten mir einen Stift in die Hand, dem einem sollte ich ein Autogramm drauf schreiben, dem anderen meine Handynummer.
Zum Glück bin ich inzwischen darin geübt zu sagen, dass ich weder Handy noch Laptop besitze und Niemand in Deutschland Facebook benutzt.
Man weiß auch nie so genau, wie man mit diesen Situationen umgehen soll, einmal muss man einfach nur darüber lachen, dass man behandelt wird wie ein Star und das nur, weil man aus dem gelobten Westen kommt, weiße Haut und blaue Augen hat und dann und so ist es eigentlich die meiste Zeit ist man einfach nur genervt von den vielen Menschen, die einen begaffen, als wäre man dem All entsprungen und pausenlos Fotos machen will.
Nachdem man uns dann zum Hundertsten Mal erzählte, wie wunderschön wir und vor allem unsere Augen wären verließen wir das College und kamen erneut mit kleiner Verpätung zum Lunch.
Nach dem Essen bereiteten Amelie und ich unsere letzte richtige Stunde mit unserer Klasse an der Prerana School vor, ich teilte ein Lebkuchenherz in viele kleine Stücke, der Geruch war so intensiev und erinnerte uns an das weihnachtliche zu Hause, das wir nun schon vor so langer Zeit verlassen hatten. Heute würden wir den Schülern ein bisschen über Deutschland erzählen.
Die Idee kam sehr gut an, alle sahen sich gespannt unsere Fotos an und lauschten vor allem den vielen Erzählungen über den Schnee in unserem zu Hause.
Die Kinder freuten sich über die Lebkuchenstücke, als hätte wir ihnen einen Klumpen Gold in die Hand gedrückt. Und Amelie und ich sind jedes Mal so glücklich darüber mit so wenig eine so große Freude bereiten zu können.
Die Stunde verging wie immer unglaublich schnell und am Ende fehlte nur noch ein Abschlussfotos mit unseren neuen kleinen Freunden, dich ich jetzt schon unglaublich vermisse und an die ich noch sehr oft zurück denken werde.
Auch für die anschließende Spielstunde stand eine kleine Besonderheit auf dem Plan.
Christina und ich besorgten Farbe und ein paar weiße Blätter Papier, viel mehr braucht es nicht um diese Kinder glücklich zu machen.
Nacheinander holten wir sie aus der Halle, in der Amelie und Vivi derweil Topfschlagen spielten, und bestrichen ihre Hände mit bunter Farbe. Daran fanden nicht nur die Kinder gefallen auch Christina und ich mussten zugeben, dass wir uns hier schon einen kleinen Kindertraum erfüllten, einfach mal so mit der bloßen Hand in einen Farbtopf zu greifen und damit rummatschen.
Am Ende hatten wir ein großes Plakat mit vielen kleinen und großen kunterbunten Patschehändchen geschaffen, dass gleich in der Schule aufgehangen wurde auch als eine Art kleines Abschiedsgeschenk dienen sollte.
Schon verrückt, ich habe das Gefühl, als wären wir gerade gestern hier angekommen und nun reden wir schon wieder von Abschied.
Besonders beeindruckend ist für mich allerdings die Tatsache, wie schnell ich mich an die kleinen Racker hier gewöhnt und viele von ihnen in mein Herz geschlossen habe.
Den Nachmittag verbrachten wir auf unserem geliebten Dach, über welches zwischendurch noch ein Paar Kapuzieneräffchen in den Sonnenuntergang sprangen, denen wir lächelnd nachsahen.
Ich beendete mein inzwischen drittes Warli, auch noch so eine Sache, die ich in Deutschland auf jeden Fall weiterführen werde.
Pater Bijesh lud uns am Abend zum Dinner ein. Es gab das von Amelie und mir hochgelobte Hühnchen, natürlich spiceless, aber am Ende immer noch scharf genug um uns die Tränen in die Augen zu treiben.
Mittlwerweile können wir über fast all diese Dinge lachen, so sehr haben wir uns an sie gewöhnt, sogar irgendwie an die Frösche auf der Toilette.
Amelie und ich verbrachten noch einen schönen Abend in unserem kleinen Zimmer, unter unserem Moskitonetz, unter dem wir schlafen, wie kleine indische Prinzessinen hinter einem Vorhang aus Gold und Seide, der sich schützend vor allen herunterfallenden Eidechsen jede Nacht aufs neue über uns legt.
Dabei hörten wir die großen Bollywoodklassiker (darunter natürlich auch Gandi Baat), die ich inzwischen so sehr liebe, dass sich meine Mitmenschen schon einmal darauf gefasst machen können, diese bald öfter aus meinem Zimmer erklingen zu hören (und Bollywood hört man in jeder möglichen Form aber auf gar keinen Fall und niemals leise!)
Unter leuchtenden Sternen und mit dem fernen Grillenzirpsen schliefen wir ruhig ein.
 
Maxi



 

20.01.2014

Von Innen

Entschuldigung, dass die Blogeinträge momentan oft verzögert kommen - wir haben mit etlichen Stromausfällen zu kämpfen, zum Teil gibt es mehr als zehn Stunden lang keinen Strom...

Ein letztes Mal fuhren wir in der Frühe mit dem großen weißen Auto und dem immernoch außerordentlich schweigsamen Fahrer nach Kalmeshwar. Und nach dem üblichen zweiten Schlaf dort folgte das zweite Frühstück - zu dem wir natürlich (ehrlich gesagt nicht ganz unabsichtlich) wie üblich zu spät kamen. Als wir anschließend im Zimmer unsere Taschen gepackt hatten, mussten wir feststellen, dass Abishek die Zeitschrift, mit der wir ihn beim Frühstück gesehen hatten, wohl heimlich aus unserem Zimmer stibitzt hatte. Und als Christina und ich das den anderen verkündeten, hieß es: "Jetzt wissen wir auch, wer unsere ganzen Süßigkeiten gegessen hat." Ganz zu schweigen von der Überschwemmung im Bad, nachdem er unsere Toilette verwendet hatte...

Der Plan für heute sah eine ganz normale Schulbesichtigung in den Vormittagsstunden vor. Die fiel dann allerdings anders aus als wir erwarteten... Das Auto war entgegen unserer Erwartungen schon ziemlich gefüllt, weshalb wir wieder zu viert gequetscht auf der Rückbank saßen. Als laut die Filmmusik von R...Rajkumar angemacht wurde, sangen wir lautstark mit - so anders der Film doch war, die Musik ist ein echter Ohrwurm und macht unendlich gute Laune, so dass wir sogar schon überlegen die Pforte-Discos zu reformieren...
Unser erster Halt war dann schonmal nicht die Schule, sondern das Haus von irgendeinem Onkel des Direktors der Schule, die wir besichtigen...? Dort nahmen wir jedenfalls unser drittes Frühstück zu uns, und eine Antwort auf die Frage, warum wir dort waren, bekamen wir, als wir weitergefahren sind - mit nun drei statt zwei Personen im Kofferraum. Warum wir uns allerdings so lange im Haus aufgehalten haben, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.
Unser nächster Halt war zwar die Schule, doch sie sah etwas anders aus als erwartet, nämlich genauso wie die Schule, wo wir normalerweise unterrichten. Abgesehen davon, dass sie ebenfalls "Pioneer School" hieß, die Schüler genauso alt waren und die gleiche Schuluniform trugen,
war alles noch ein bisschen kleiner (weshalb ich für meinen Teil auch etwas überrascht war, dass das schon die Schule ist, ich hatte eher mit noch einem Wohnhaus gerechnet...). Wir wussten nicht so recht, was wir eigentlich machen sollten dort, also landeten wir nach nicht allzulanger Zeit wieder auf Stühlen beim Rektor und kamen zu unserem vierten Frühstück.
Es folgte eine Einladung in die Wohnung unter der Schule, wer genau da allerdings gewohnt hat und wieso wir da waren, blieb mir wieder ein Rätsel, da keiner dort wirklich ein Wort mit uns geredet hat. Wir bekamen dort jedenfalls unsere dritte Schicht Pulver auf der Stirn (wie man das eben hier als Willkommen bekommt...).
Eine etwas andere Schule von direkt gegenüber sahen wir dennoch - nicht mehr als das, denn es handelte sich um eine Marathi-Schule, heißt, die Kinder lernen Englisch als dritte Sprache und nicht als erste. Die Kommunikation war dementsprechend ziemlich genau einfach nicht vorhanden.
Spätestens an diesem Punkt rechneten wir damit, zurückgebracht zu werden - stattdessen hatte man derweil in dem Haus unter der Schule Tee für uns gemacht - zu den vier Frühstücken gesellte sich also im Magen auch noch der vierte Tee an diesem Morgen. Ich fragte mich, als wir dann letztendlich doch irgendwann ins Auto stiegen, wie ich gleich noch Mittagessen hinunterbekommen sollte.
Ich wusste ja nicht, dass unser Weg noch nicht zurück zur Prerana School führte (wo wir längst hätten hinfahren müssen, denn man wartet ja dort ab 13 Uhr auf uns), sondern in ein weites Gebiet mit lauter Luxus-Häuschen, wirklich Luxushäuschen. So mit Pool im Garten und englischem Rasen und überaus moderner Innenausstattung. Mal wieder haben wir uns gefragt, was wir da eigentlich sollen, denn nicht, dass da jemand gewohnt hat - nein, das ist einfach nur ein farmhouse project. Was jetzt so direkt eigentlich nicht nach Indien aussieht und dort auch irgendwie fehl am Platze ist. Und abgesehen von Schauen und einem Glas Wasser serviert bekommen (unser neuntes? zehntes? was weiß ich, ich habe nicht mitgezählt) haben wir dort auch nichts weiter gemacht, man wollte uns also allem Anschein nach einfach nur dieses tolle Projekt präsentieren, uns - den reichen Europäern.
Als wir erneut ins Auto stiegen, begann ich daran zu zweifeln, ob wir nicht doch noch vielleicht zehn andere Halts machen bevor wir Prerana erreichen, doch wir fuhren tatsächlich direkt dahin und kamen nur ganze fünfundfünfzig Minuten zu spät zum Lunch.
Ich muss sagen, dass mir der Ausflug trotzdem ganz gut gefallen hat - wir haben zwar nicht so viel Neues gesehen (außer die zwei Meter lange schwarze Schlange, die sich in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit durchs Gras geschlängelt hat - wir haben sie (zum Glück) nur vom Auto aus beobachtet, aber in Prerana wurde uns auch schon mitgeteilt, dass wir nachts möglichst nicht rausgehen sollten, weil es hier giftige Schlangen gibt... beruhiged, muss ich sagen) aber je mehr man sieht, desto mehr weiß man einzuschätzen, was normal ist.

Unser Lunch stand natürlich noch unberührt da als wir kamen - fünf Minuten, bevor der Unterricht begann. Nicht, dass ich Lunch gebraucht hätte, aber es ist ja schon etwas unhöflich, wenn so lange auf einen gewartet wurde und man dann nichts isst... also hab ich nochmal gegessen. Und so mussten nicht nur die Küchenfrauen, sondern auch die Lehrer auf uns warten, denn zum Unterricht kamen wir folglich auch zu spät. Der Unterricht selber war aber extrem toll heute: Christina und ich haben mit den Kindern Himmel und Hölle gefaltet - ja, das hat eine ganze Unterrichtsstunde gedauert, wir mussten oftmals jedem Kind einzeln helfen, aber am Ende hatte jeder ein (mehr oder weniger ordentliches) Himmel und Hölle in der Hand und freute sich darüber. Und wir konnten sogar auch noch etwas lernen, denn der Lehrer, mit dem wir uns immer mehr anfreunden, ging ebenfalls im Falten auf und bastelte noch eine andere Skulptur, an der auch wir unseren Spaß hatten...

Die Competition Time wurde heute wieder mit Topfschlagen gefüllt - und es traf auf noch mehr Begeisterung als beim ersten Mal, denn es waren unter den Töpfen nicht nur Süßigkeiten, sondern auch Spielsachen zu finden. Und die Lehrer haben mal wieder ihre Schüler ganz schön veralbert - wenn man sie mit einer Plastik-Eidechse herumrennen und Kinder damit erschrecken oder den Topf mit dem Fuß wegschieben sieht, fragt man sich sowieso, wer eigentlich erwachsener ist...

Bibi kam bald nach dem üblichen Tea, um uns beim house visiting zu begleiten. Jeder Gruppe werden an einem Tag der Reise ein paar Dorfhäuser von Schülern der Prerana School gezeigt, damit sie einen Eindruck bekommen, wie man hier im Dorf lebt.
Das erste der drei Häuser sah so aus, wie wir auch schon die meisten Häuser hier erlebt hatten: ziemlich dunkel und nicht gerade vielseitig gestaltet, mit einem durchgehend laufenden Fernseher und einer immer offen stehenden Tür... wir sahen hier nur ein Zimmer, aber den Rest des Hauses konnte man sich vorstellen, diese Art waren wir gewohnt. Es war eines der reicheren Familien.
Das nächste Haus sah schon ganz anders aus: zwei winzige Räume, keine Fenster, keine Möbel außer ein kleines Regal und ein Bett, die anderen drei Personen in diesem Haushalt müssen auf dem Boden schlafen. Die Wände aus Lehm, der Boden aus Kuhdung (der mit Wasser zu einer Pampe gemixt wurde und dann getrocknet ist - glücklicherweise geruchlos) aber dennoch sehr sauber gehalten (ich war auch wirklich überrascht, wie ordentlich es in den Häusern ist - laut Bibi im Gegensatz zu den Häusern in Slums), und das Dach aus Stöcken und nicht gerade ordentlich angeordneten Ziegeln - also alles andere als dicht, sodass sie während der Regenzeit eine Plane darüber legen müssen. Und die Türen so klein und niedrig, dass ich zuerst nicht glauben konnte, dass das ein Hauseingang sein sollte.
Das dritte Haus sah ähnlich wie das zweite aus, mit dem Unterschied, dass in den zwei winzigen Räumen zehn Menschen wohnen. Und dass trotz aller Schlichtheit ein laufender Fernseher in der Ecke stand, der da so zwischen den Lehmwänden gar nicht ins Bild passte.

Menschenmassen empfingen uns auf der kleinen Straße vor dem Haus, als wir wieder hinauskamen - keiner sprach mit uns (wie auch, in den Dörfern spricht man so gut wie kein Englisch) aber man starrte, machte Fotos und rannte dem Auto hinterher, mit dem wir wegfuhren. Es stört mich mehr und mehr, dass einem als Weißer automatisch schon so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich hatte mir die Häuser nicht wirklich anders vorgestellt als sie waren, aber es ist trotzdem immer noch etwas anderes, wenn es nicht länger nur eine Vorstellung von etwas bleibt.

Christina und ich haben uns fest vorgenommen, die letzten Tage zu genießen ohne daran zu denken, wie wenige es nur noch sind. Denn der Gedanke daran macht uns so unglaublich traurig - nicht, dass wir uns nicht auch darauf freuen, wieder nach Hause zu kommen, aber wir wissen einfach, wie sehr uns das alles hier fehlen wird. Vier Wochen sind doch viel weniger als wir dachten, am liebsten würden wir viel länger hier bleiben.

Vivi 

19.01.2014

Ein Märchen über das Reisen

Hundegebell und ein Kinderstimmchen verkündeten heute morgen meinen neuen Tag und leiteten somit den letzten Sonntag in Indien ein. Nachdem ich gestern wieder einmal wirklich spät ins Bett gekommen war, Gastfamilien können immer gar nicht genug Gesellschaft des Gastes genießen und essen auch furchtbar spät in der Nacht noch "Dinner", weswegen die Abende immer sehr lang werden, schlief ich dementsprechend lange an diesem Morgen.
Meine Gastschwester Gauri begrüßte mich mit einem süßen "Guten Morgen", sie hat immerhin ein Jahr Deutsch gelernt, und ihr Cousin, den sie aber Bruder nennt, der kleine Bruder meines Gastbruders (na verwirrt?), Devanche, rannte wieder einmal wie von der Tarantal gestochen mit einem Superman-Schlafanzug durch die Etage.
Mit den Familienverhältnissen in Indien verhält es sich ungefähr so übersichtlich wie mit den Göttern des Hinduismus. Irgendwie sind alle irgendwie miteinander verwandt, oder zumindest verschwägert oder haben anderweitig was miteinander zu tun. Die Bruder-,Schwester-,Tante-,Onkel-,Cousinbeziehungen sind dann doch schwer nachzuvollziehen und werden richtig interessant, wenn man dann auch noch väterliche und mütterliche Seite aus allen Generation und von allen Ehepartnern aller Geschwistern dazu betrachtet. So habe ich aufgehört durch die Verwandschaftsbeziehungen durchsteigen zu wollen und es am gestrigen Abend einfach so hingenommen, dass die Menschen in dem Wohnzimmer irgendwie alle mehr oder weniger miteinander verwandt sind oder eben auch nicht. Meine Gastmutter Aruna hatte am Nachmittag des Samstags

 ein paar Anrufe getätigt und schwupps: Am Abend war das sehr großzügige und modern eingerichtete Haus der Familie mit Verwandten und Freunden (oder eben weiteren Verwandten) gefüllt und es wurde zusammen gesungen, Gitarre gespielt, gegessen und gelacht und das ganze bis spät in die Nacht. (Der Reim war ungewollt.)

Die erste Handlung meines Tages war es mal wieder richtig schön heiß zu duschen, mit - ich betone - fließend-heißem Wasser. Also so wie zu Hause. Vielleicht fragt ihr euch jetzt warum solche Erlebnisse wie eine heiße Dusche erwähnenswert sind in einem Reisebericht, und diese Frage kann ich euch kurz und bündig gleich beantworten: Es handelt sich um einen Indien-Reisebericht.
Wir alle stellen immer und immer wieder fest, wie plötzlich die einfachsten und selbstverständlichsten Dinge besonders werden und man doch sich über die simpelsten Dinge des Lebens wieder freuen lernt. Wir befinden uns ja nun im Final Countdown, was unsere Zeit hier in Indien angeht und um ehrlich zu sein, fiebert man langsam schon seinem Zuhause und den gewohnten Umständen entgegen. Ich habe mir hier nach Indien nur ein Buch mit gebracht, und wie das Schicksal es wollte, hätte ich kein schöneres und passenderes Buch für die Zeit hier mitnehmen können. Es handelt sich um "Der Alchimist" von Paulo Coelho und die meisten werden davon schon gehört haben, oder es vielleicht sogar selbst gelesen haben, denn es war ein ganz schöner Erfolg auf der ganzen Welt. Das Buch ist ein Märchen über das Reisen, wobei die Reise das Symbol für einen persönlichen Lebensweg eines Menschen ist. Und da auch wir uns auf einer Reise befinden, die gewiss in irgendeiner Form unseren persönlichen Lebensweg geprägt hat, prägt und noch prägen wird, werde ich die Worte des alten Königs nie vergessen, der sagt:
"Das sind die Kräfte, die uns schlecht erscheinen, aber in Wirklichkeit helfen sie dir, deinen persönlichen Lebensplan zu erfüllen. Sie entwickeln deinen Geist und deinen Willen, denn es gibt eine große Wahrheit auf diesem Planeten: Wer immer du bist oder was immer du tust, wenn du aus tiefster Seele etwas willst, dann wurde dieser Wunsch aus der Weltenseele geboren. Das ist dann deine Aufgabe auf Erden." So nahmen wir aus allen Steinen, die uns im Wege lagen, doch etwas mit und sind auch an unseren Zweifeln gewachsen und an Grenzen gestoßen. Aber wir leben hier einen Wunsch, und wir lernen, dass der Weg und das Weitergehen wichtiger wird, als der ursprüngliche, nicht definierte, bloße Wunschgedanke. Wobei das ganze natürlich weiter über das Abfinden mit ungewohnten Sanitärverhältnissen hinaus geht.

Mein Gastbruder Aditya klopfte irgendwann an der Tür mit den Worten dass das Frühstück nun so weit sei und damit wurde meine heiße Dusche - Gott sei Dank - unterbrochen, sonst hätte ich das Badezimmer wohl nie wieder verlassen. Das Frühstück, beziehungsweise mittlerweile die Brunch-Auswahl, hätte mal wieder alle anderen Mahlzeiten des Tages ersetzen können, aber von den indischen Essgewohn-und eigenheiten hatten wir es ja bereits des öfteren.
Meine Gastfamilie, oder besser gesagt mein Gastbruder, meine Gastschwester und der Fahrer der Familie zeigten mir Nagpur heute aus einer trockeneren Perspektive: Wir besuchten das Napur Central Museum.
Dort konnte ich eine Reihe Präparate von ausgestopften, exotischen Tieren betrachten, die, keine Sorge liebe Tierfreunde, aus sowieso toten Tieren erstellt wurden. In Indien seien Tiere sehr wichtig und man würde nie mutwillig Tiere für solche Zwecke umbringen und Jagen sei auch verboten, versicherte mir Aditya mehrmals. So trocken im Museum stehend war weder frühes Aufstehen, noch Geduld von mir verlangt, weswegen ich zur Fauna gleich einen besseren Bezug fand, als Beispielsweise bei der Bird-Watching-Tour letzte Woche. Nach der Tierabteilung, kam eine Abteilung mit hinduistischen Kunstschätzen vergangenger Zeitepochen und ich fühlte mich an den vorangegangen Familienabend erinnert, als mir meine Gastgeschwister versuchten zu jeder Skulptur und Statur die Gottheit mit ihren Reincarnationen, ihrer Zuständigkeit und ihren Familienverhältnissen mit den anderen Göttern nahe zu bringen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eigentlich hier in Maharashtra reicht, die Figur von Ganesha aus dem indischen Restaurant von neben an wieder zu erkennen. Schon dann sind die meisten Indern von so viel Kulturverständnis eines Weißen freudig überrascht.
Vertieft in indische Religions- und Kulturgeschichte merkte ich gar nicht, wie eine Frau auf mich zu kam und meinen Arm hochriss. Ich erschreckte mich ganz schön und war wie gelähmt als sie anfing meinen Arm zu betrachten. Aber es passierte nichts schlimmes: Alles was sie wollte war mein Henna-Tatoo zu betrachten und meinem Gastbrudern dann zu sagen, dass eben dieses schön sei und mir stehe. (Wobei sich mir immernoch die Frage gestellt, wie eine Inderin von einem Henna-Tatoo fasziniert sein kann. Immerhin trägt mindestens jede zweite Frau hier relativ regelmäßig ein solches Tatoo an Armen und Beinen.)
Auch Kunst war in diesem Museum zu finden und ich fand ein fast expressionistisch anmaßendes Werk eines indischen Künstlers der 20er Jahre, der die Monsunzerstörung in Mumbai dargestellt hatte. Inwieweit beeinflusst oder unabhängig von damalig aktuellen europäischen Kunstströmungen kann ich nicht zwar nicht sagen, aber es war interessant zu sehen, dass Zerstörung und Verwüstung, sei sie auch auf unterschiedliche Weise in verschiedenen Teilen der Erde geschehen, einen gemeinsamen Weg fand, auf Papier ausgedrückt zu werden.
Nach dem Museum zeigten mir meine Gastgeschwister das Hohe Gericht von Nagpur, das war wirklich ein tolles Erlebnis, da ich selten in Indien so eine saubere und gepflegte Anlage gesehen habe. Das Gerichtsgebäude ist wirklich riesig; es stammt aus der britischen Besatzungszeit.
Fotos konnte ich allerdings keine davon machen, denn die indische Polizei hat es nicht so mit Besuchern in Regierungsbereichen.
Auf die saubere, grüne Anlage des Gerichts folgend, ging es dann wieder in die Fülle und in den Staub der Innenstadt. Wie man auch auf dem Foto sieht, ist die Innenstadt wirklich genau so bunt und überfüllt, wie man sich das so vorstellt. Ein Freund meines Gastbruders hat dort ein südindisches Restaurant und natürlich konnten wir es uns nicht nehmen dort mit Masala Dosa erstmal ordentlich zu lunchen. Essen ist in Indien immer eine gute Idee. Zu meinem Erstaunen ist die Freundschaft zwischen Inhaber und meinem Gastbruder anscheinend so gut, dass wir auch nicht einmal etwas bezahlen mussten. Was für ein Freundschaftsdienst!
Satt gegessen und satt gesehen an der Fülle der Innenstadt, den vielen Menschen, den unübersichtlichen Straßen war danach mein sehnlichster Wunsch, ersteinmal wieder etwas Ruhe zu haben. Und gleich nach dem Essen ist Having rest die zweitbeste Idee, die man in Indien haben kann.

Der Nachmittag und Abend endete für mich dann mit Spielen mit Devanche, Tee trinken (wie eigentlich immer in Indien) und schließlich mit dem Zurückkommen in unsere NCCI Unterkunft und dem Wiedersehen der drei anderen. Wie immer gab es viel zu erzählen von dem letzten Wochenende im Land der Farben.

Amelie