Ich wachte bestimmt fünf Mal auf und
schlief wieder ein, bis Christina es dann so zehn Minuten nach um 5
endlich schaffte, mich aus dem Bett zu holen. In Windeseile machte
ich mich fertig und packte die wichtigsten Sachen zusammen, denn
Rucha (die Deutschlehrerin, die uns ein bisschen Hindi unterrichtet
hat) wollte uns “around five“ abholen zu einer “bird watching
tour“. Heute war sie aber sogar für indische Verhältnisse ganz
schön spät dran, so dass wir alle (trotz verspäteten Aufstehens)
noch eine ganze Weile warten mussten.
Rucha kam kurz nach um 6 an und hatte
in ihrem Auto noch zwei andere Männer bei sich. Wir fragten uns
schon, wie wir wohl alle in das kleine Auto passen sollen, als Rucha
uns mitteilte, dass wir noch auf ein anderes Auto warten (nicht
gerade zu unserer Freude, denn das Stehen fiel uns in unserem müden
Zustand schwer und wir hatten ja schließlich schon eine halbe
Ewigkeit gewartet...). In diesem saßen allerdings auch schon einige
Menschen, als es etwa fünf Minuten später kam. Wir verteilten uns
etwas, aber sonderlich viel Platz war trotzdem nicht... So kam es,
dass wir 6.15 Uhr zu viert auf eine Rückbank gequetscht im Auto
saßen. Und noch bevor wir Nagpur verlassen hatten, war ich wieder
eingeschlafen.
Als
ich aufwachte, war ich in einer anderen Welt: Ich sah aus dem Fenster
und sah vor uns das weiße Auto der anderen, das wie unser Auto auch
auf einer langen geraden Straße stand, die mitten durch eine
unendlich weite, verlassene Landschaft führte. Ein paar der Männer
waren schon ausgestiegen und hatten ihre riesigen Kameras mit den
Teleobjektiven und ihre schweren schwarzen Fernrohre gezückt und
zeigten aufgeregt in eine Richtung. Sie hatten in der Ferne eine sehr
seltene Spezies von Antilopen
entdeckt und deuteten nun auch uns auszusteigen um sie sehen und
ihnen folgen zu können. Als sich die Tür öffnete und mir die
kühle Luft ins Gesicht schlug war ich sofort hellwach – die Luft
war so frisch hier! Genüsslich atmete ich tief durch, ich
hatte schon ausgeblendet, wie schlecht die Luft überall in Indien
ist (selbst in Nagpur, der Stadt, die als „green City“ und
„schönste Stadt Indiens“ bezeichnet wird), doch jetzt, da der
Vergleich dazu, wie die Luft sein könnte, wieder hergestellt
war, fiel es mir wieder auf. Die Antilopen waren weggerannt, also
machten wir uns auf den Weg, um sie wiederzufinden. Wir entfernten
uns von der Straße und begaben uns in die Natur - so eine
zauberhafte Landschaft habe ich noch nie zuvor in meinem Leben
gesehen. Es war nicht wirklich so, wie ich es mir in Indien
vorgestellt hätte – da war kein dichter Regenwald mit tausend
bunten Pflanzen und Bäumen bis zum Himmel, es waren nur einige
ziemlich niedrige Bäume da in relativ großem Abstand, und die
Farben beschränkten sich auf ein bisschen grün, ein bisschen Braun
und auf dem Boden orangefarbenes Gras, das dort so dünn und in
Massen wie Haare auf dem Boden wächst. Aber die Formen der Bäume
sahen aus wie gemalt, und da waren so viele wunderschöne kleine
fremde Pflanzen, und es sah einfach traumhaft aus, wie der
Morgennebel über dem Land hing und mit jedem Meter mehr Entfernung
die Farbe aus allem nahm. Die Erde sah nicht sonderlich trocken aus,
aber an manchen Stellen war sie aufgesprungen und man sah lange tiefe
Risse im Boden, fast wie in einer Vulkanlandschaft. Es war einfach
wunderbar, nach so langer Zeit wieder einmal friedliche Stille und
wirklich frische Luft genießen zu können. Die Antilopen sahen wir
nicht nochmal (allgemein sahen wir nicht so viele Vögel und fremde
Tiere wie sie gehofft hatten), aber das machte überhaupt nichts,
denn allein die Landschaft genießen zu können machte mich
überglücklich. Abgesehen davon sahen wir noch einen serpent
eagle und green
beeeater und in der
Ferne noch ein paar andere Tiere. Unser Trip war aber hier noch nicht
beendet: es ging weiter zu dem nahe gelegenen Paradgaon
lake in der Nähe
von Umred. Und wieder stockte uns allen der Atem beim Anblick dieses
großen ruhigen Sees, der da so malerisch mit den Nebelschwaden und
einem langen hohen Steg mitten im Nirgendwo lag. Auf der anderen
Seite des Sees sahen wir einen Ibis und Pfauen (das sind neben Tigern
die Nationaltiere Indiens), und bei unserer Wanderung um den See
entlang (die sich als ganz schöne Herausforderung entpuppte, denn
der Boden bestand aus Schlamm und Steinen, die zu klein waren, um auf
ihnen zu laufen, aber dennoch groß genug, um regelmäßig darüber
zu stolpern) sahen wir ganz viele Affen frei zwischen den Bäumen
umherhüpfen (für uns eine richtige Attraktion, für Inder das
Normalste auf der Welt). Ich nahm mir vor, auf dem Rückweg wach zu
bleiben und zu beobachten, wie diese wunderschöne Landschaft sich in
Stadtleben verwandelt. Und zwanzig Minuten hielt ich auch durch und
freute mich zusammen mit den Anderen über die indische Musik, die
wir im Auto hörten, die restlichen fünfzig Minuten verwendete ich
dann doch zum Schlafen.
Unser Frühstück nahmen wir diesmal in
einem Restaurant (naja, einem indischen Restaurant...) ein,
zusammen mit der ganzen Truppe die auch beim “bird watching“ mit
dabei war. Wie die Inder eben so sind, sah das Frühstück eher wie
Mittagessen aus: Masala Dosa und Plain Uttapam (ich habe mir die
Namen der Gerichte aufgeschrieben, aber ich weiß schon jetzt nicht
mehr was was war... es gab aus jeden Fall irgendein Dal und
Cocosnusschutney und ein riesiges herzhaftes Crepe mit einer
Kartoffel-Gemüse-Füllung uns so etwas Griesbreiähnliches mit
Erbsen und Möhren darin... klingt komisch, hat aber eigentlich ganz
gut geschmeckt). Und dort kamen wir sogar (endlich!) zu unserem
ersten Lassi in Indien – natürlich ganz schön süß,(typisch
Indien), aber es hat uns allen so gut geschmeckt, dass wir gleich
noch eins für den Weg mitgenommen haben.
Als wir uns, zurück im NCCI, von Rucha
verabschiedeten, meinte diese, dass sie uns wahrscheinlich gegen halb
eins abholen wird – zum Shoppen! Bis dahin haben wir uns die Zeit
mit Schlafen, Taschen packen und Essen verbracht.
Kurz nach um Eins kam dann nicht Rucha,
sondern Philip, welcher uns in dem guten alten gewohnten weißen
Minibus zu einer Art Indoor-Markt fuhr, wo wir Rucha trafen. Total
überfordert und sinnüberflutet standen wir da zwischen Massen an
goldenem Schmuck, übermäßig verzierten Schuhen und den buntesten
Stoffen. Diese erste Shoppingmöglichkeit löste eine schon fast
peinliche Euphorie bei uns aus (wenn man sich so sehr darüber
freut, etwas kaufen zu können, dann ist das ja schon etwas
komisch...) und wir hörten nicht auf, uns durch den Schmuck zu wühlen
und Dinge anzuprobieren, bis wir dringend zurück zum NCCI mussten, um
von unseren Gastfamilien abgeholt werden zu können.
Dieser 10-Minuten-Weg wurde zu meiner
ersten Fahrt mit einem Rickshaw - das sind die Taxen in Indien:
kleine gelb-schwarze dreirädrige Fahrzeuge mit einem Sitzplatz für
den Fahrer und einer Rückbank (die wahrscheinlich mehr für zwei als
für vier Personen gedacht war, aber gut, wir haben hier schon
gelernt, sich mit zu wenig Platz zu arrangieren). Und ein Dach und
eine Fensterscheibe vorn haben diese Dinger auch, aber so etwas wie
Türen... darauf kann man ja verzichten.
Meine Gastfamilie holte mich so gegen halb 4 ab – mit einem Auto, welches innen mit cremeweißem weichem Flauschstoff verkleidet war. So etwas gibt es in Indien also auch. Es schien erst so, als würde ich es mit 3 Personen zu tun haben, so wie letztes Wochenende auch (ich bin die Einzige, die wohl drei verschiedene Gastfamilien haben wird): eine Mutter, ein Vater und eine dreizehnjährige Tochter. Rucha hatte schon so etwas angedeutet, dass wir Nachbarn sein werden und dass sie meine Familie gut kennt und so, aber ich hatte das alles nicht so hundertprozentig verstanden... Als ich dann jedenfalls bei ihnen Zuhause ankam, bekam ich so nach und nach mit, dass diese ganzen umliegenden Häuser alle zu einer Familie gehören, Rucha irgendeine Tante von meiner Gastschwester ist und tausend Tanten und Onkels und Großeltern und Cousinen hier noch wohnen. Man geht also immer so von Wohnung zu Wohnung und quatscht miteinander und teilt sich gemeinsame riesige Dachterrassen (auf denen unendlich viele exotische Pflanzen wachsen und man sich wie im Paradies fühlt!) und Höfe, in denen Guavenbäume wachsen. Und so kam es, dass ich auch Ruchas Heim kennenlernte und ihre Mutter traf (und ihren Mann, aber der war ja bei der Tour am Morgen schon mit dabei) und ihre Hochzeitsfotos sah. Einige Cousinen traf ich auch, sie gehen alle zur Modern School (wo wir einmal waren, und so schwer begeistert waren... wie man sieht, sind das hier alles nicht gerade die ärmsten) und hatten mich schon gesehen und von mir gehört. Meine Gastschwester hatte mich auch bei meinem Ausflug zu einer “indian classical dance“-Show mit meiner Gastfamilie von letzter Woche gesehen, die Schwester der Tänzerin ist ihre beste Freundin... Ein bisschen komisch habe ich mich schon gefühlt, als sie mir so ausführlich erzählt hat, von woher sie mich schon überall kennt und dass ihre ganzen Klassenkameraden von mir erzählt haben, und ich sie gefühlt zum ersten Mal gesehen hab... Es tut mir immer leid, wenn ich mich nicht an Menschen erinnern kann, die sich an mich erinnern können - aber es sehen hier für mich schon irgendwie alle gleich aus, so wie für die Inder sicherlich auch weiße Menschen gleich aussehen.
Meine Gastfamilie brachte mich in das
Büro des Vaters – er ist der Chef eines Unternehmens, das Designs
von Verpackungen und Werbeplakaten entwirft. Mir wurde tausendmal
erzählt, dass deutsche Druckmaschinen die besten sind, und dass sie
nur deutsche Druckmaschinen verwenden und dass Deutschland eine sehr
große Druckmaschinenindustrie hat. Aber ich fand es echt spannend,
einmal zu sehen, wie dort gearbeitet wird. Und so kam ich auch zu dem
Vergnügen, einen indischen Fahrstuhl kennenzulernen... es fiel mir
schwer, dem zu vertrauen, in Indien benutze ich dann doch lieber
wieder Treppen. Gleich im Anschluss besuchten wir noch einen
hinduistischen Tempel, dieser Ort war ebenfalls echt wunderschön,
und erstaunlich ruhig und sauber dafür, dass er so mitten in der
Stadt zwischen all dem Lärm und Dreck steht.
Nach dem Dinner sind wir noch so etwa
um 22 Uhr Eisessen gegangen, meine Gastschwester schon im Schlafanzug,
aber das schien niemanden zu stören... Das fand ich echt cool, denn
auch wenn ich schon total überfüllt von allem Essen und allen
übermäßig süßen Süßigkeiten war – ein Eis geht immer noch
rein! Und ich habe noch nie so nussiges und leckeres Mandeleis
gegessen wie an diesem Abend.
Grundsätzlich fand ich es echt schön
in meiner neuen Gastfamilie, auch wenn ich mich jedes Wochenende neu
zurechtfinden muss, so lerne ich wenigstens mehr Menschen kennen als
die Anderen! (es gibt doch an Allem etwas positives) Und hinsichtlich
der Tatsache, dass alle in dieser Familie sehr musikalisch sind und
mir die verschiedensten Instrumente gezeigt und mich darauf spielen
lassen haben, habe ich mich hier irgendwie wie Zuhause gefühlt.
Vivi
Vivi
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