09.01.2014

Ketchup

Unser Tag hier in der Prerana-School beginnt mit dem Frühstück um neun. Normalerweise stehen Vivi und ich 9:05 Uhr auf, rechnen nach, wie spät es momentan in Deutschland ist (halb fünf in der Nacht), machen uns fertig und sind nur zehn Minuten zu spät.
  Dann geht es los zur Schule, an der wir den Kleinen Unterricht geben (wir haben unser Liederrepertoire mit "Ein Lied von mir" schon auf ganze drei Werke ausgeweitet), ihnen Zählen beibringen und Körperteile sowie Früchtenamen und was uns sonst noch so einfällt, um sie eineinhalb Stunden lang beschäftigen zu können. Singen erscheint uns als ein gutes Mittel dafür, zudem es den Kindern sichtlich Spaß macht. Sie schenken uns nach dem Tee mit der Rektorin immer eine Blume, wie es hier in Indien Brauch ist; eine Gabe der Schüler an die Lehrer.
  Heute ist Amelie nicht mit uns gekommen, denn sie ist schon seit Anfang der Reise ein wenig krank und hat daher geschlafen, um sich auszuruhen. Doch wir dachten an sie, besonders Maxi, die die Vorschulkinder nun ganz allein bezwingen musste. Während des Tees bekamen wir gleich eine Einladung, an einer weiteren Schule zu unterrichten, und sie ist gerade mal einhundertfünfzig Kilometer entfernt. Wenn wir dorthin fahren, dann werden wir mit blinden und taubstummen Kindern zu tun haben. Mal sehen, was Bibi zu der ganzen Sache zu sagen hat, wenn sie ja sagt, dann haben wir ein weiteres großes Abenteuer vor uns.
  Die nächste Überraschung erwartete uns beim Lunch: Ketchup! Das gefiel uns wohl besser, als wir uns eingestehen wollten, schließlich sind wir nicht in Indien, um Ketchup zu essen. Aber es war so gut, einmal etwas anderes zu schmecken als Dal.
  Der Unterricht mit den behinderten Klassen läuft auch wirklich gut, leider mussten Vivi und ich (wie sie schon erwähnte) unsere Klasse mit dem Lieblingslehrer abgeben. Wir bringen ihnen gerade das Zählen von eins bis vierzig mit Hilfe von bunten Luftballons bei. Heute haben wir mit ihnen außerdem rote Äpfel gemalt, oder jedenfalls war das unser Plan, denn die Ergebnisse fielen ziemlich interessant aus. Aber was den Kindern Spaß macht, macht uns auch Spaß. Und dem Lehrer offensichtlich auch, denn der hat dann Zeit, auf seinem Plastikstuhl zu sitzen und mit seinem Smartphone zu spielen. Hier sind überhaupt alle ständig mit ihren Handys beschäftigt, die auch immer auf laut gestellt sind. Und klingelt das Telephon, dann gehen sie ran, egal, ob sie sich gerade mit jemandem unterhalten oder am Essenstisch sitzen. Dann spricht man eben mit zwei Leuten gleichzeitig oder mit vollem Mund. Und die Anzahl an nervtötenden Klingeltönen ist schier überwältigend.
  Dann war Competition-Zeit, und wir spielten diesmal ausnahmsweise nicht Let me see your funky chicken!, sondern Topfschlagen, und das beinahe eine geschlagene Stunde lang. Die Kinder waren begeistert, sie saßen in einem großen Kreis auf dem Boden und immer wieder meldete sich ein Kind freiwillig, um nach dem Topf und dem Bonbon darunter zu suchen. Wir haben den Verdacht, dass sie sich gegenseitig auf Marathi die Richtung zugerufen haben, in die sie krabbeln müssen, außerdem wedelten sie wild mit den Armen, um den Kindern zu zeigen, wo der Topf stand, die Tatsache vergessend, dass deren Augen verbunden waren. Und auch die Lehrer waren so eingenommen und fasziniert, dass sie ebenfalls gestikulierten, um den Kindern zu helfen. Jedes Mal, wenn ein Topf gefunden wurde, wurde wild mit dem Löffel darauf herumgeschlagen, oft griffen die Kinder schon nach dem Bonbon, ohne das Tuch von ihren Augen genommen zu haben, so voller Aufregung und Freude, die noch durch den aufbrausenden Applaus der anderen gesteigert wurde. Nach einer Stunde, einer Zeit, während derer deutsche Kinder schon längst die Lust verloren hätten, spielten wir noch das Spiel, bei dem die Kinder die Luftballons zum Platzen bringen müssen, die Vivi und ich seit zwei Tagen für den Unterricht verwenden. Und dass sie seit zwei Tagen aufgeblasen sind, hat man auch gemerkt, denn sie waren praktisch unkaputtbar. Nach gefühlten zehn Minuten wurden wir dann doch nervös: Konnten wir es verantworten, den Kindern eine scheinbar unlösbare Aufgabe zu geben, Luftballons, die einfach nicht platzen wollten, sondern sich nur verformten, wenn sich die Kleinen daraufsetzen oder darauf herumsprangen? Das Problem wurde jedoch mit dem Knall gelöst, der das Zerplatzen des ersten Luftballons ankündigte und einen wahren Sturm an Applaus auslöste. Zudem war das Ganze wirklich äußerst amüsant anzusehen, ebenso die Reaktionen der Lehrer, wenn sich wieder einmal ein Junge auf einen Ballon stürzte, der dann unter seinem Körper hinwegflutschte. Trotz der zähen und widerspenstigen Luftballons waren wir pünktlich zum Gebet der Kinder fertig.
  Nach dem Tea gingen Maxi, Vivi und ich nach draußen und machten ein paar Meditationsübungen (ganz, wie es sich für Indien gehört, nur ein paar weniger), erst auf der Straße, dann auf dem Hausdach von Father Bijesh. Dort saßen wir noch lange, unterhielten uns und sahen der Sonne beim untergehen zu. Selbst die Sonne hier ist anders, sie scheint wie durch ein Tuch, gedämpft, so als würden ihre Strahlen den Erdboden eigentlich nie erreichen. Nebenbei freundeten wir uns noch mit ein paar Leuten auf dem benachbarten Hausdach an, die uns euphorisch zuwinkten. Und wir winkten zurück.
  Am Abend waren wir noch einmal bei Father Bijesh, eigentlich, um wieder Deutschunterricht zu geben, doch statt Father Bijesh und seinem Sohn Abhishek trafen wir außerdem noch Bibi, Philip und dessen Freund Robert aus Pennsylvania an, der in Indien zu Besuch war. Während wir uns abwechselnd mit Bibi, Robert und Abhishek (die Unterhaltung mit ihm beschränkte sich auf: "Train?" "Train!" "Train.", denn Abhishek mag Züge, und die Wiederholung der Wörter auf Marathi, die er uns wissentlich nickend zuwarf, auch wenn wir ihn natürlich nicht verstehen, aber ihm scheint es zu gefallen, wenn wir mit ihm reden) unterhielten, freuten wir uns innerlich darüber, nicht mehr die einzigen Weißen auf dem Gelände zu sein und wieder Hindiakzentfreies Englisch hören zu können. Danach verbrachte ich lange Zeit bei Amelie und wir unterhielten uns wahrscheinlich mehr als in den beiden Pfortejahren zusammen, die wir nun schon gemeinsam auf eine Schule gehen. Das ist ebenfalls eine Seite, die ich an Indien so schön finde: Es schweißt zusammen, die Erinnerungen an einen Monat in einem gänzlich wunderbaren fernen bunten Land verbinden uns, wie Pforte es nicht vermag.

Wir haben uns jetzt mit den Fröschen im Bad angefreundet. Außer dann, wenn sie nicht dort sind, wo sie sein sollten.

Christina

1 Kommentar:

  1. Gute Besserung für Amelie! Maxi ganz allein in Indien mit Vorschulkindern - die hatten bestimmt ihren Spaß!
    Dal = "Dal (Hindi दाल, Dāl, mitunter auch Daal oder Dhal geschrieben) ist ein Gericht der indischen Küche, das vorwiegend aus Hülsenfrüchten, meistens Linsen, aber auch Kichererbsen, Bohnen oder Erbsen zubereitet wird, denen vor der Zubereitung die Hülse entfernt wurde. Durch die lange Kochzeit zerkochen die Hülsenfrüchte zu einer Art Brei, der mit Kreuzkümmel, Koriandersamen, Zwiebeln, Knoblauch, Chilis, Ingwer und anderen Gewürzen kräftig gewürzt wird. Bisweilen werden die Hülsenfrüchte auch frittiert. Dal ist ein Grundnahrungsmittel in Indien." Das klingt nicht voll überzeugend, auch das Bild bei Wikipedia stimmt mich nachdenklich. Hoffentlich bekommt die Diät!

    Mit besten Grüßen
    Euer Peter Maser.

    AntwortenLöschen

Wir freuen uns über eure Kommentare