Meine Gastschwester Gauri begrüßte mich mit einem süßen "Guten Morgen", sie hat immerhin ein Jahr Deutsch gelernt, und ihr Cousin, den sie aber Bruder nennt, der kleine Bruder meines Gastbruders (na verwirrt?), Devanche, rannte wieder einmal wie von der Tarantal gestochen mit einem Superman-Schlafanzug durch die Etage.
Mit den Familienverhältnissen in Indien verhält es sich ungefähr so übersichtlich wie mit den Göttern des Hinduismus. Irgendwie sind alle irgendwie miteinander verwandt, oder zumindest verschwägert oder haben anderweitig was miteinander zu tun. Die Bruder-,Schwester-,Tante-,Onkel-,Cousinbeziehungen sind dann doch schwer nachzuvollziehen und werden richtig interessant, wenn man dann auch noch väterliche und mütterliche Seite aus allen Generation und von allen Ehepartnern aller Geschwistern dazu betrachtet. So habe ich aufgehört durch die Verwandschaftsbeziehungen durchsteigen zu wollen und es am gestrigen Abend einfach so hingenommen, dass die Menschen in dem Wohnzimmer irgendwie alle mehr oder weniger miteinander verwandt sind oder eben auch nicht. Meine Gastmutter Aruna hatte am Nachmittag des Samstags
ein paar Anrufe getätigt und schwupps: Am Abend war das sehr großzügige und modern eingerichtete Haus der Familie mit Verwandten und Freunden (oder eben weiteren Verwandten) gefüllt und es wurde zusammen gesungen, Gitarre gespielt, gegessen und gelacht und das ganze bis spät in die Nacht. (Der Reim war ungewollt.)
Die erste Handlung meines Tages war es mal wieder richtig schön heiß zu duschen, mit - ich betone - fließend-heißem Wasser. Also so wie zu Hause. Vielleicht fragt ihr euch jetzt warum solche Erlebnisse wie eine heiße Dusche erwähnenswert sind in einem Reisebericht, und diese Frage kann ich euch kurz und bündig gleich beantworten: Es handelt sich um einen Indien-Reisebericht.
Wir alle stellen immer und immer wieder fest, wie plötzlich die einfachsten und selbstverständlichsten Dinge besonders werden und man doch sich über die simpelsten Dinge des Lebens wieder freuen lernt. Wir befinden uns ja nun im Final Countdown, was unsere Zeit hier in Indien angeht und um ehrlich zu sein, fiebert man langsam schon seinem Zuhause und den gewohnten Umständen entgegen. Ich habe mir hier nach Indien nur ein Buch mit gebracht, und wie das Schicksal es wollte, hätte ich kein schöneres und passenderes Buch für die Zeit hier mitnehmen können. Es handelt sich um "Der Alchimist" von Paulo Coelho und die meisten werden davon schon gehört haben, oder es vielleicht sogar selbst gelesen haben, denn es war ein ganz schöner Erfolg auf der ganzen Welt. Das Buch ist ein Märchen über das Reisen, wobei die Reise das Symbol für einen persönlichen Lebensweg eines Menschen ist. Und da auch wir uns auf einer Reise befinden, die gewiss in irgendeiner Form unseren persönlichen Lebensweg geprägt hat, prägt und noch prägen wird, werde ich die Worte des alten Königs nie vergessen, der sagt:
"Das sind die Kräfte, die uns schlecht erscheinen, aber in Wirklichkeit helfen sie dir, deinen persönlichen Lebensplan zu erfüllen. Sie entwickeln deinen Geist und deinen Willen, denn es gibt eine große Wahrheit auf diesem Planeten: Wer immer du bist oder was immer du tust, wenn du aus tiefster Seele etwas willst, dann wurde dieser Wunsch aus der Weltenseele geboren. Das ist dann deine Aufgabe auf Erden." So nahmen wir aus allen Steinen, die uns im Wege lagen, doch etwas mit und sind auch an unseren Zweifeln gewachsen und an Grenzen gestoßen. Aber wir leben hier einen Wunsch, und wir lernen, dass der Weg und das Weitergehen wichtiger wird, als der ursprüngliche, nicht definierte, bloße Wunschgedanke. Wobei das ganze natürlich weiter über das Abfinden mit ungewohnten Sanitärverhältnissen hinaus geht.
Mein Gastbruder Aditya klopfte irgendwann an der Tür mit den Worten dass das Frühstück nun so weit sei und damit wurde meine heiße Dusche - Gott sei Dank - unterbrochen, sonst hätte ich das Badezimmer wohl nie wieder verlassen. Das Frühstück, beziehungsweise mittlerweile die Brunch-Auswahl, hätte mal wieder alle anderen Mahlzeiten des Tages ersetzen können, aber von den indischen Essgewohn-und eigenheiten hatten wir es ja bereits des öfteren.
Meine Gastfamilie, oder besser gesagt mein Gastbruder, meine Gastschwester und der Fahrer der Familie zeigten mir Nagpur heute aus einer trockeneren Perspektive: Wir besuchten das Napur Central Museum.
Dort konnte ich eine Reihe Präparate von ausgestopften, exotischen Tieren betrachten, die, keine Sorge liebe Tierfreunde, aus sowieso toten Tieren erstellt wurden. In Indien seien Tiere sehr wichtig und man würde nie mutwillig Tiere für solche Zwecke umbringen und Jagen sei auch verboten, versicherte mir Aditya mehrmals. So trocken im Museum stehend war weder frühes Aufstehen, noch Geduld von mir verlangt, weswegen ich zur Fauna gleich einen besseren Bezug fand, als Beispielsweise bei der Bird-Watching-Tour letzte Woche. Nach der Tierabteilung, kam eine Abteilung mit hinduistischen Kunstschätzen vergangenger Zeitepochen und ich fühlte mich an den vorangegangen Familienabend erinnert, als mir meine Gastgeschwister versuchten zu jeder Skulptur und Statur die Gottheit mit ihren Reincarnationen, ihrer Zuständigkeit und ihren Familienverhältnissen mit den anderen Göttern nahe zu bringen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eigentlich hier in Maharashtra reicht, die Figur von Ganesha aus dem indischen Restaurant von neben an wieder zu erkennen. Schon dann sind die meisten Indern von so viel Kulturverständnis eines Weißen freudig überrascht.
Vertieft in indische Religions- und Kulturgeschichte merkte ich gar nicht, wie eine Frau auf mich zu kam und meinen Arm hochriss. Ich erschreckte mich ganz schön und war wie gelähmt als sie anfing meinen Arm zu betrachten. Aber es passierte nichts schlimmes: Alles was sie wollte war mein Henna-Tatoo zu betrachten und meinem Gastbrudern dann zu sagen, dass eben dieses schön sei und mir stehe. (Wobei sich mir immernoch die Frage gestellt, wie eine Inderin von einem Henna-Tatoo fasziniert sein kann. Immerhin trägt mindestens jede zweite Frau hier relativ regelmäßig ein solches Tatoo an Armen und Beinen.)
Auch Kunst war in diesem Museum zu finden und ich fand ein fast expressionistisch anmaßendes Werk eines indischen Künstlers der 20er Jahre, der die Monsunzerstörung in Mumbai dargestellt hatte. Inwieweit beeinflusst oder unabhängig von damalig aktuellen europäischen Kunstströmungen kann ich nicht zwar nicht sagen, aber es war interessant zu sehen, dass Zerstörung und Verwüstung, sei sie auch auf unterschiedliche Weise in verschiedenen Teilen der Erde geschehen, einen gemeinsamen Weg fand, auf Papier ausgedrückt zu werden.
Nach dem Museum zeigten mir meine Gastgeschwister das Hohe Gericht von Nagpur, das war wirklich ein tolles Erlebnis, da ich selten in Indien so eine saubere und gepflegte Anlage gesehen habe. Das Gerichtsgebäude ist wirklich riesig; es stammt aus der britischen Besatzungszeit.
Fotos konnte ich allerdings keine davon machen, denn die indische Polizei hat es nicht so mit Besuchern in Regierungsbereichen.
Auf die saubere, grüne Anlage des Gerichts folgend, ging es dann wieder in die Fülle und in den Staub der Innenstadt. Wie man auch auf dem Foto sieht, ist die Innenstadt wirklich genau so bunt und überfüllt, wie man sich das so vorstellt. Ein Freund meines Gastbruders hat dort ein südindisches Restaurant und natürlich konnten wir es uns nicht nehmen dort mit Masala Dosa erstmal ordentlich zu lunchen. Essen ist in Indien immer eine gute Idee. Zu meinem Erstaunen ist die Freundschaft zwischen Inhaber und meinem Gastbruder anscheinend so gut, dass wir auch nicht einmal etwas bezahlen mussten. Was für ein Freundschaftsdienst!
Satt gegessen und satt gesehen an der Fülle der Innenstadt, den vielen Menschen, den unübersichtlichen Straßen war danach mein sehnlichster Wunsch, ersteinmal wieder etwas Ruhe zu haben. Und gleich nach dem Essen ist Having rest die zweitbeste Idee, die man in Indien haben kann.
Der Nachmittag und Abend endete für mich dann mit Spielen mit Devanche, Tee trinken (wie eigentlich immer in Indien) und schließlich mit dem Zurückkommen in unsere NCCI Unterkunft und dem Wiedersehen der drei anderen. Wie immer gab es viel zu erzählen von dem letzten Wochenende im Land der Farben.
Amelie
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Wir freuen uns über eure Kommentare