Heute war ganz Indien in Feierlaune und schon am Morgen wurden wir von lauter Musik, Menschenstimmen, Kinderlachen und Sonnenstrahlen geweckt.
Heute ist nämlich ein Feiertag, der sich sowohl auf dem hinduistischen Uttarayan Kite Festival, als auch auf dem muslimischen Milad un-Nabi Fest begründet, und somit der ganze Tag im ganzen Land die Legitimation zum freien Tag für alle bekommt.
Gestern bereits hatte Mina, die Principial der Pioneer School, an der wir vormittags unterrichten, uns verraten, dass wir den hinduistischen Feiertag zusammen mit ihr und ihrer Familie begehen würden und wir freuten und natürlich sehr über ihre Einladung und über die Möglichkeit, Religion und Kultur hautnah erleben zu können.
Der Tag startete also ganz entspannt mit einem langen Frühstück, bei dem Bibi, eine unserer Betreuerinnen hier, wieder einmal mehr redete als alle anderen und uns 1000 Mal erklärte, wie sollten doch bitte exakt 11 Uhr vor dem Tor stehen und auf den Wagen warten, der uns dann zu Mina bringen solle. Nach ihren ausführlichen und eindringlichen Erläuterungen war auch sie sich dann irgendwann wohl sicher, dass wir das exakt endlich verstanden hatten, und ließ uns in Kalmeshwar zurück.
Also standen wir dann exakt, man betone erneut exakt, vor dem Tor der Prerana School und was dann der Situation zur exakten Vollendung fehlte, waren nicht wir, denn wir waren ja exakt erschienen, sondern der Wagen, der uns abholen sollte. Wenigstens waren wir ganz nach deutscher Manier, dann doch exakt zum Treffpunkt erschienen.
Nach 20 Minuten wurde uns der Spaß dann doch zu unspaßig und wir riefen Bibi an und fragten nach inwieweit die Definitionen von "exakt" in verschiedenen Kulturkreisen zu unterscheiden seien. Es stellte sich daraufhin heraus, dass da wohl ein Missverständnis oder ein anderes Kommunikationsproblem zugrunde gelegen hatte. Also konnten wir, wenn auch nicht ganz so exakt wie gedacht, in Richtung Mina starten.
Und das Willkommen geheißen werden in Indien, ist so mit das Schönste an allem. Es geht weit über einen feuchten Händedruck verbunden mit einem "Nice to meet you" oder "It's a pleasure" hinaus, da Inder ihre Freude nicht nur trocken verkünden, sondern sie mit ganzem Herzen zeigen.
So stand vor dem Haus auf dem Boden mit leuchtenen Farben WELCOME geschrieben und die Buchstaben waren mit Blumenmustern umrankt. Vor dem Eintreten in das Haus wurden unsere Füße mit Wasser gewaschen, wir bekamen gelbfarbene Blumenranken umgehangen und einen Punkt (für die Experten das Fachwort: Bindi) mit roter und gelber Farbe auf die Stirn gemalt. Erst nach diesen Ritualen durften wir das Haus betreten und uns wurde die ganze Familie vorgestellt. Wobei Verwandtschaftsbeziehungen in Indien immer so ein tricky Thema für sich sind und man nicht so hinter herkommt, wer jetzt wessen Kind und Ehemann ist, wer Geschwistern sind oder nur Cousins und wer davon nur Bediensteter in der Familie ist. Deswegen dauert das immer seine Zeit, bis man die Orientierung in einer indischen Gastfamilie wiederfindet.
Da Inder gerne essen, und noch lieber viel-essen, wurden uns natürlich als ersten Handlungsakt ein paar Snacks gereicht. Doch so wie bei dem Wort exakt, geht auch die Definition von Snack in verschiedenen Kulturkreisen weit auseinander: Wir bekamen einen Teller mit Samosa, einer Chilischote, Farsan und Vapours serviert. Für die kulinarisch interessierteren unter uns dazu eine kurze Erläuterung: Samosa sind Teigtaschen mit eher südindischem Ursprung, die mit einer aus gestampften Kartoffeln, Gewürzen, Gemüse und Kräutern bestehenden Masse gefüllt sind. Diese Teigtaschen werden hier auch oft zum Frühstück gegessen und da wir gut mit zwei dieses reichhaltigen Gerichts versorgt waren, war damit unser Mittagessen eigentlich schon vollendet. Natürlich konnte das nicht alles gewesen sein, wir sind ja schließlich Gäste, und dazu noch Gäste in Indien. Das Snacken ging mit Farsan und Vapours weiter. Bei beidem handelt es sich um Knabberzeug, wie ein Deutscher es vom Fußballabend kennt, bloß dass die Würzung doch sehr exotisch und wirklich lecker war, weswegen wir beschlossen haben, ein Tüte Kattha Mattha (praktisch eine Knabbermischung), neben leckerem Grünen Tee mit Zitrone, auf jeden Fall mit nach Deutschland zu bringen. Die Chilischote war dann so ein anderer Spaß und wurde uns schon mit dem Wortlaut wir sollten das eher nicht essen, da es doch sehr spicy wäre, gereicht. Vivi dachte sich in diesem Fall wohl YOLO (in der Jugendsprache verbreitete Abkürzung für engl. "You only live once" = Man lebt nur einmal), oder vielleicht auch andersherum, vom hinduistischen Verständnis gedacht, "Ich hab ja noch ein nächstes Leben!" und biss doch tatsächlich in die Schote hinein.
Zur Verwunderung aller und Bewunderung meinerseits weilt sie noch unter uns und ist immer noch so gut gelaunt wie immer.
Nach unserem ausgiebigen Brunch verlagerte die gesamte Gesellschaft das Geschehen nach oben auf das Dach des Hauses und der eigentliche Inhalt des Festes, das Drachen steigen lassen, wurde begonnen. So stiegen wir in eine bunte Parallelwelt hinauf, die Sonne lies die Farben und die Dächer des Dorfes leuchten und strahlen und der blaue Himmel bildete den perfekten Hintergrund für die bunten Drachen. Nicht nur wir waren auf das Dach des Hauses gestiegen, sondern von allen Dächern winkten uns Kindern und Familien zu, die ebenfalls Drachen steigen ließen. So ist die Schnur der Drachen so beschaffen, dass ohne weiteres eine andere Schnur zerschnitten werden kann, was den ganzen Spaß noch um einiges spannender macht! Wir lachten viel, und auch mal wieder viel für die ganzen Fotos, die so alle von und mit uns haben wollten: Die Attraktion des Fremden war mal wieder groß. Trotz der tausend Bilder, die von uns gemacht worden, genossen wir den Vormittag unglaublich und waren schon fast ein wenig traurig als uns der Fahrer für den Lunch in der Prerana School wieder abholte.
Aber auch nach dem Lunch wartete ein nächster Programmpunkt auf uns: Village-Shopping. Mit zwei der Mädchen, die sich hier um die Kinder und die ganzen Internatsachen kümmern, hieß es auf in das Sari-Getümmel. Beim Betreten des Geschäftes mussten wir unsere Schuhe ausziehen und man merkte auch schnell wieso: Der ganze Laden war mit einem matrazenartigem Teppich ausgelegt, auf welchem man dann sitzen und zuschauen konnte wenn die bunten Sari-Stoffe ausgebreitet wurden.
Es war überwältigend die hohen Regale voll an verschiedensten Stoffen mit diversen Mustern und Stickereien zu sehen und die Sari-Schau begann.
Es war überwältigend die hohen Regale voll an verschiedensten Stoffen mit diversen Mustern und Stickereien zu sehen und die Sari-Schau begann.
Der Verkäufer fing an Stück für Stück bunte, glitzernde Stoffe aus dem Regal zu ziehen und vor uns auszubreiten. Dann blieb uns allerdings die Qual der Wahl: Welcher Sari ist nun der Schönste? Welcher passt zu mir? Warum kann ich nicht alle nehmen?
Es war fast wie bei einer Brautkleidsuche: Alle saßen bequem auf dem weichen Boden, Stoffe lagen herum und eine Verkäuferin schwebte um das einzige Mädchen, das stand und den Sari anprobieren sollte, herum. Schließlich begann dann die Diskussion über das Aussehen des Stoffes, die Farbe, das Muster und das Zusammenspiel mit Augenfarbe, Hautfarbe und Haarfarbe. Bedenken der den-Sari-Tragenden wurden geäußert und bei nicht einstimmiger positiver Bewertung wurden die hohen Regale weiter nach dem perfekten Stoff durchsucht.
Lasst euch gesagt sein, liebe Mädchen da draußen, ich habe Stoffe gesehen, die meine tiefsten Kleinkind-Prinzessinnen-Träume wieder geweckt haben und das Schlimmste daran war, sich schließlich für einen Sari entscheiden zu müssen.
Das Dorf, in das wir nun erstmals zentrumsnah eindrungen, erinnerte mich an Dörfer aus Märchenbüchern. Man sah alte Reisig- und Lehmhütten, unbefestigte Straßen und Kühe und andere Tiere mitten auf den Straßen liegen. Teilweise ein fast mittelalterlicher Anblick. Auch hatte ich das Gefühl, dass die Menschen im Dorf noch mehr starrten, als die in der Stadt, wobei ich eigentlich dachte das sei schon nicht mehr zu toppen.
Nach unserem erfolgreichen Sari-Einkauf wartete wieder die Prerana School auf uns, und die Aussicht auf einen ganz normalen Mittwoch, ohne Drachen steigen lassen und Sari-Shopping-Tour. Auch in Indien gibt es also ein Arbeitsleben. Schade eigentlich.
Es war fast wie bei einer Brautkleidsuche: Alle saßen bequem auf dem weichen Boden, Stoffe lagen herum und eine Verkäuferin schwebte um das einzige Mädchen, das stand und den Sari anprobieren sollte, herum. Schließlich begann dann die Diskussion über das Aussehen des Stoffes, die Farbe, das Muster und das Zusammenspiel mit Augenfarbe, Hautfarbe und Haarfarbe. Bedenken der den-Sari-Tragenden wurden geäußert und bei nicht einstimmiger positiver Bewertung wurden die hohen Regale weiter nach dem perfekten Stoff durchsucht.
Lasst euch gesagt sein, liebe Mädchen da draußen, ich habe Stoffe gesehen, die meine tiefsten Kleinkind-Prinzessinnen-Träume wieder geweckt haben und das Schlimmste daran war, sich schließlich für einen Sari entscheiden zu müssen.
Das Dorf, in das wir nun erstmals zentrumsnah eindrungen, erinnerte mich an Dörfer aus Märchenbüchern. Man sah alte Reisig- und Lehmhütten, unbefestigte Straßen und Kühe und andere Tiere mitten auf den Straßen liegen. Teilweise ein fast mittelalterlicher Anblick. Auch hatte ich das Gefühl, dass die Menschen im Dorf noch mehr starrten, als die in der Stadt, wobei ich eigentlich dachte das sei schon nicht mehr zu toppen.
Nach unserem erfolgreichen Sari-Einkauf wartete wieder die Prerana School auf uns, und die Aussicht auf einen ganz normalen Mittwoch, ohne Drachen steigen lassen und Sari-Shopping-Tour. Auch in Indien gibt es also ein Arbeitsleben. Schade eigentlich.
Amelie
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Anmerkung der Autorin: Die Überschrift heute mal in Hindi-Schrift, aber deutsche Wörter: "Bunte Drachen und Saris" Angaben ohne Gewähr. Google ist da nicht immer ganz zu trauen.
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Anmerkung der Autorin: Die Überschrift heute mal in Hindi-Schrift, aber deutsche Wörter: "Bunte Drachen und Saris" Angaben ohne Gewähr. Google ist da nicht immer ganz zu trauen.
Euer Blog bzw. die Texte sind wunderbar. Danke hierfür und wir freuen uns, wenn Ihr bei Euer Rückkehr im Rotary Club Naumburg berichtet (und dann hoffentlich mit vielen Fotos). Liebe Grüße
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