10.01.2014

ASHRAM OBSERVANCES

Heute hieß für uns: Es geht wieder zurück ins Big City Life. Ein Wagen holte uns in Kalmeshwar ab, und die Atmosphäre an diesem Morgen war gar nicht richtig zu beschreiben. Ich war unfassbar froh, wieder etwas mehr auf den Beinen zu sein, mein Fieber war über Nacht gesunken, und konnte deswegen sogar die relativ frühe Stunde (halbwegs) billigen. Das Ruckeln des Autos verbunden mit der Beleuchtung des anbrechenden Tages, war unfassbar monoton und spannend zugleich. Der Himmel war rosafarben gefärbt, alles war in einen märchenhaften Schleier gehüllt. Es schien, als habe das Land über Nacht den ganzen Dreck und Staub vergessen und schwebte nun noch in der Dämmerung zwischen der meditativen Stille der Nacht und  der Aufregung des Treiben, des Lärms und des Staubs des kommenden Tages. Der Morgen war so friedlich und schön, dass ich sogar fast die vielen Gläubigen verstehen konnte, die zum Gebet und zur Meditation das Bett bereits vor Tagesanbruch verlassen hatten um am Wegesrand und in freier Natur in aller Stille und Besonnenheit den Tag zu beginnen.
Wäre es nach uns gegangen, hätte diese Fahrt noch ewig so weiter gehen können. Wir, als stille Beobachter und Zuhörer, nicht gezwungen zu reagieren, sondern in der wundervollen Lage alles einfach wirken zu lassen. Aber der Tag kam zurück, der Lärm und das Treiben auf den Straßen ebenso und wir damit auch an unser vorläufiges Ziel, das Haus von Bibi und Philip.
Dort bekamen wir ein zweites Frühstück, dass wir erst zaghaft und dann mit zunehmender Begeisterung zu uns nahmen. Philip hatte Käse-Tomaten-Sandwiches gemacht. Das bedeutete, weder Dal und Reis, noch Curry- und Kardamonvegetables, Chapati und Chai. Also fast ein Stück Heimat im fernen Indien.
Dort trafen wir erneut auf Rob, oder auch Robert, der Professor für Engeneering aus dem kalten Pennsylvania, und erfuhren, dass er uns auf unseren Trip heute ebenfalls begleiten würde. Wir brachen also mit Philip, Robert und einem Fahrer im Gepäck nach Sevagram auf.
Sevagram ist ein Lebens- und Schaffensort Mahatma Gandhis, der das damalige Dorf Shegaon mit seinen Gedanken und seinem Wesen beeinflusste und entwickelte und auch namensgebend für Sevagram (= ein Ort des Gebens und Dienens) war. Die Hüttenanlage die Gandhi dort baute und bauen ließ wurde nur aus Material der Gegend geschaffen und nur von ortsansässigen Arbeitern, das waren seine Bedingungen. Es war ein Ort, an dem jeder Zuflucht finden konnte und er und seine Frau mit vielen weiteren in Einfachheit und Bescheidenheit lebten. So kamen zu ihm die reichsten Geschäftsmänner, ebenso wie sozialverstoßene Lebrakranke und lebten dort zusammen an einem Ort.
Dass Gandhi als Nationalheld gefeiert ist und einem auch auf den Rupienscheinen allgegenwärtig hier in Indien ist, wurde nach und nach nachvollziehbarer: Er hatte nicht nur für eine friedfertige Loslösung der englischen Besatzung gekämpft, sondern er hatte auch die tiefsitzende Gesellschaftsstruktur der Kasten mit seiner Lebensphilosophie des Gebens außer Kraft gesetzt, ohne das Wesen des Hinduismus anzukratzen. So eine friedvolle, bescheidene und fast schon asketische Wirkung hatte dieser religiöse Ort auf uns. Es heißt, wer einmal so ein Ashram besucht hat, dem sollen danach die Regeln dieses Ortes, die Regeln des Lebens bewusst geworden sein. Die Tugenden des Zusammenslebens dort sind Truth, Non-Violence, Chastity (=Keuschheit, aber auch Reinheit, Schlichheit. Hierbei wird nicht klar, ob es sich der Hauptaugenmerk auf die sexuelle Enthaltsamkeit oder die eines Leben im Überfluss bezieht) Non-Possession, Non-Stealing, Bread-Labour (man muss für sein eigenes Essen, hier Symbol Brot, selber sorgen), Control of Palate (Genussverhalten kontrollieren), Fearlessness, Equality of Religions, The Law of Neighbourhood und Removal of Untouchability. Aber im Größeren betrachtet, sind das natürlich Gandhis Tugenden des gesamten Lebens.
Es war schon spannend zu sehen, was für eine Stille und Friedlichkeit ein Ort doch im immer überfüllten Indien ausstrahlen kann. Am liebsten wäre ich dort aber alleine gewesen, denn die Wirkung der schönen Anlage wurde dadurch vermindert, das ständig Inder kamen und uns direkt um ein Foto baten oder auch uns ganz unauffällig verfolgten um ein Foto ohne Fragen zu erhaschen. Robert kam ins Gespräch mit zwei sehr netten, jungen Indern und natürlich ließ er es nicht aus für seine Uni und das Ingeneurwesen zu werben. Es ist immer dieses befremdliche Gefühl, wenn jeder einen anstarrt da, das erst verschwindet, wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt und sie sich an unseren Anblick gewöhnen. Trotzdem ist es jedesmal aufs neue seltsam und schwer nachzuvollziehen, wenn fremde Menschen einem so viel Aufmerksamkeit schenken und die fremde, ungetümliche Hautfarbe wichtiger wird, als das eigentliche Heiligtum der eigenen Religion. Auch mit der kleinen, alten Frau, die dort lebt und die Regeln des Ashrams nicht nur selber einhält, sondern auch allen Besuchern nahe bringt, machten wir ein Foto und beim Durchklicken der Bilder auf meiner Kamera, fiel mir mal wieder auf, wie klein die meisten Menschen hier sind und wie riesig wir dagegen wirken. Die Frau wusste sehr viel mehr als nur die Ashram Observances uns nahe zu bringen und führte uns durch die nun zum Museum gewordenene Welt von Mahatma Gandhi.
Nachdem fast alle mit einem Foto abgefunden waren, konnte es dann auch für uns weitergehen, in das nahegelegende Gandhimuseum und einen Schritt weiter in Richtung Lunch, denn die lange Autofahrt und das Lächeln für die vielen Bilder hatten uns hungrig gemacht.
Gespeist wurde dann das erste Mal in einem richtigen indischen Restaurant, auf dem Boden sitzend und mit den Fingern essend. Für meinen entzündeten Hals war vieles zu scharf und brannte ganz schrecklich, aber generell gewöhnen wir alle uns nun mehr und mehr an die indische Schärfe. Auch wenn wir die Feststellung machen mussten: Wenn das Essen so scharf ist, dann schmeckt man nur noch die Schärfe und nichts anderes, was wirklich schade ist. (Glaube ich.)
Wie bei den Indern sehr verbreitet und gern gelebt bekamen wir nach unserer Rückkehr in Nagpur ersteinmal rest-time. Mit dieser vielen gewonnen Zeit bildet sich damit ein Kontrastprogramm zu Pforte und manchmal mache ich die Erfahrung, dass ich fast verlernt habe nichts zu tun, auch wenn ich es mir in Deutschland oft wünsche.
Unser Abend war dann wieder gefüllt an interkulturellem Austausch und diese Stunden machen uns hier eigentlich mit am meisten Freude. Wir besuchten die Alliance School of Languages und wo könnte sich ein S-ie wohler fühlen, als auf einer Sprachschule?
Das schöne an den Sprachschülern dort war, dass sie, im Gegensatz zu unseren Schülern in Kalmeshwar, fähig waren Deutschland einzuordnen, Englisch und sogar ein bisschen Deutsch zu sprechen und echtes Interesse an uns und der fremden Kultur zu haben schienen. So wurde ich nach berühmten deutschen Schriftstellern gefragt und konnte von Goethe und Schiller berichten, und machte die wunderbare Erfahrung, dass mein Gegenüber sogar schon mal von Goethe gehört hatte. (Hierbei sei bemerkt, dass ich bis dato keinen Einzigen indischen Literat kannte und nur beschämt zuhören und lernen konnte. Dafür ist jetzt mein Horizont in diese Richtung geweitet, und ich weiß dass Kalidasa, der auch Goethe beeinflusste, wie ich lernte, ebenso wie Amaru und der Philosoph Shankara darauf warten von mir gelesen zu werden.)

Und wie jeder Besuch in jeder Schule beginnt oder endet, bekamen wir abschließend Chai und Kekse serviert und versanken im Gespräch mit einem Sprachlehrer, der 4 Jahre in Leipzig gelebt hatte und merkten gar nicht wie die Zeit verging und auch dieser erlebnissreiche Freitag seinen Ausklang fand.


Amelie 
 
 
 
 

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