18.01.2014

Stadt der Geister

Eine halbe Stunde nach Mitternacht wurde ich von einem Lichtblitz geweckt. Mein erster Gedanke, noch im Halbschlaf, war: Wer macht denn jetzt auch noch im Dunkeln Fotos von uns? Als dann aber der Donner folgte, war ich sofort hellwach. Vivi auch. Ein Gewitter in Indien! Wir saßen in unseren Betten und lauschten dem Unwetter, das draußen tobte, das Zimmer immer wieder erhellt durch die Blitze, die durch das Dunkel zuckten. Und dann kam der Regen. Und er kam genau so, wie wir es uns immer vorgestellt hatten; Wie eine Wasserwand, die sich auf die Umgebung ergoss. So klang es jedenfalls. Aber weil wir unseren ersten und wahrscheinlich einzigen indischen Regen erleben wollten, zogen wir unsere Schuhe an und entriegelten so leise wie möglich (und das ist ganz schön schwierig) die Tür. Die Nacht war von den Laternen erhellt, die vereinzelt am Wegesrand stehen, ein graues gespenstisches Dämmerlicht lag über dem Boden und hing zwischen den Bäumen. Die Luft war mild und roch nach feuchter Erde und nach Regen. Im Licht der Laternen fiel der Regen in silbernen Fäden und einzelne Hagelkörner sahen aus wie merkwürdige umherschwirrende Insekten.
Zuerst streckten wir nur den Arm aus, der in Sekundenschnelle komplett nass war. Hätte ich mal besser den Ärmel hochgekrempelt, dachte ich noch, als meine Lippen bereits die Worte "Rennst du einmal mit mir nach da drüben und wieder zurück?" formten. Und Vivi wäre nicht Vivi, wenn sie nicht ja gesagt hätte. So kam es, dass wir uns mitten in der Nacht vom Regen förmlich die Haare waschen ließen (war auch nötig), lachten wie kleine Kinder und uns immer wieder daran erinnern mussten, dass der Rest des Hauses schläft und wir möglichst nicht alle mit unserer albernen Euphorie aufwecken sollten. Einen Moment später standen wir auch schon wieder im Hauseingang, genossen die Einfachheit des Augenblicks, der eine derartige Zufriedenheit in uns auszulösen vermochte, und die Wassertropfen, die von unseren Haaren auf unsere Schultern tropften. Im Bett angekommen, konnten wir noch immer nicht aufhören zu kichern, selbst, als der Strom zum gefühlten tausendsten Male ausfiel. Das Kichern hörte dann langsam auf, als ein lauter, durchdringender Ton anschwoll, der irgendwo zwischen nervigen Frauenstimmen in anstrengenden Tonlagen und der Arie der Königin der Nacht rangierte. Und er wollte nicht aufhören. Dabei hatten wir uns noch Sorgen gemacht, die anderen mit unserer Albernheit im Regen aufzuwecken... Einige Sekunden später hörten wir auch schon, wie die Tür von Maxi und Amelie entriegelt wurde und stiegen selbst aus den Betten, um sie auf dem Flur zu treffen. Seltsamerweise schien das Geräusch keinen außer uns zu stören, denn niemand sonst ließ sich blicken, um der Ursache des Geräusches auf den Grund zu gehen, die wir, nach einer kurzen Suche, in einem kleinen weißen Kasten zwischen Spinnenweben und Farbtöpfen unter der Treppe fanden. Amelie legte kurzerhand einen Schalter um, und der Ton verklang. Wir gingen wieder in unsere Betten, Vivi und ich nicht gerade beruhigt, denn die Erleichterung, dass der Ton aufgehört hatte, konnte uns nicht darüber hinwegtrösten, dass es einen Grund gegeben haben musste, dass er ausgelöst wurde. Wir ergingen uns in Gesprächen über indische Alarmanlagen und deren Funktionsfähgkeit und, als der Nachbarshund dann auch noch zu bellen anfing, über Einbrecher, die den Stromausfall womöglich auch noch absichtlich herbeigeführt hatten. Wir lagen nebeneinander in unseren Betten, starrten an die Decke und lauschten den Geräuschen der Nacht, die sich neben dem Hundegebell normalerweise aus dem Quaken der Frösche (die sich offensichtlich nicht alle in unserem Bad häuslich eingerichtet haben) und dem Rattern der Züge zusammensetzen. Als dann langsam der Regen wieder einsetzte und der Hund aufhörte zu bellen, schlief ich langsam wieder ein.
  Nein, tat ich nicht, denn gerade, als ich dachte, ich hätte meine Ruhe, setzte der Hund mit scheinbar doppelter Lautstärke wieder ein und dass auch noch ein Tier vor unserem Fenster hin und her lief, machte die Sache auch nicht besser.

Um 5.55 Uhr klingelte der Wecker nach der bis jetzt wohl durchwachsensten Nacht in Indien. Da der Strom immer noch nicht wieder da war, mussten wir unsere Sachen im Dunkeln bzw. mit Handylicht, das ungefähr der Leuchtkraft eines altersschwachen Glühwürmchens gleichkommt, zusammensuchen. Wir blieben gleich im Schlafanzug, denn im NCCI würden wir sofort wieder ins Bett gehen. Dort angekommen, schliefen wir also noch zweieinhalb Stunden, dann genossen wir eine kalte Dusche aus dem Schlauch an der Wand (der Regen war nicht ganz so sauber, wie wir es gern gehabt hätten) und ein Frühstück bestehend aus Nutellabrot und Schokoladenkuchen, den uns Rucha mitgebracht hatte. Dann stiegen wir ins Auto und fuhren zur Hillfort Public School, einer in einem Gebäude angessenen Schule, das uns den Atem nahm. Ein Pförtner (!) öffnete uns die Tür und wir trafen sogleich auf eine Menge Kinder, die auf dem Schulhof den Tanz übten, den sie uns später vorführen wollten. Nach einem kurzen Rundgang durch die Schule, die mit den großen Fenstern und Glaswänden äußerst europäisch und modern erschien (sogar einen Computerraum besaß die Schule), wurden wir nach unten in die Eingangshalle geleitet, in der schon alle Kinder versammelt und ihnen gegenüber vier Stühle für uns bereitgestellt waren. Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns fühlen wie in einer Talkshow... Nach einigen Fragen (Was ist nationales Essen, nationales Tier, nationaler Sport usw.) sangen wir die Nationalhymne Deutschlands, um anschließend die Indiens zu hören. Dann gingen wir nach draußen auf den Schulhof und genossen die drei Tänze, die die Kinder uns vorführten. Nach dem obligatorischen Teetrinken mit der Schulleiterin fuhren wir mit Rucha zum City Market, mal wieder, um zu shoppen und die bunten Farben zu genießen. Dann wurde es auch wieder Zeit, zurück zum NCCI zu fahren, um pünktlich für die Gastfamilien dort zu sein. Doch wir hätten uns gar nicht beeilen müssen, denn drei der vier Gastfamilien kamen mal wieder beinahe eine Stunde später als geplant.

Mein Abend mit meiner Gastfamilie artete zu einem regelrechten Sightseeing-Marathon aus, neben einigen Tempeln und Kirchen sah ich außerdem ein kleines Museumsdorf, das aus Hütten verschiedenster indischer Stammesvölker bestand. Außer mir und meinem Gastvater/Gastbruder/Gastonkel/Gastwasauchimmer Anup (nein, ich habe die Verwandtschaftsverhältnisse immer noch nicht durchschaut, und die Tatsache, dass sich alle mit brother ansprechen, macht es auch nicht gerade einfach) und einer Hundefamilie, die uns auf Schritt und Tritt verfolgte, war niemand da. Langsam ging die Sonne unter und wir wanderten zwischen den leeren bunten Hütten umher, die ohne jegliches Licht dalagen wie Höhlen. Der Platz, der, wie mir Anup erklärte, als Versammlungsstätte für interkulturellen Austausch genutzt wurde, lag vollkommen verlassen da, überall Müll, die einzigen Anzeichen für Leben das Trappeln der Hundepfoten auf dem kalten Gestein und das Krächzen der Papageien in den Baumwipfeln. Einige Skulpturen von Elephanten und Pferden aus schwarz angemaltem Metall ragten in die graue Luft empor und ich fühlte mich wie in einer Geisterstadt oder wie auf einem ausgestorbenen Vergnügungspark, der einst von Kinderlachen und Popcornduft erfüllt war und jetzt nur noch vom Heulen des Windes und dem Geraschel der Blätter. Beinahe war ich froh, das Gelände verlassen zu dürfen.
  Die Tour ging weiter. Freemasons' Hall, stand in abblätternden blauen Buchstaben auf dem Tor, das wir nun passierten. Während ich noch darüber nachdachte, ob das tatsächlich das war, das ich glaubte, erhob sich vor mir auch schon ein beeindruckendes rotes Backsteingebäude, auf dem ein großes Symbol prangte: Winkel und Zirkel. Und damit hatte sich meine Frage von selbst beantwortet. Ich konnte es nicht glauben. Auch hier war niemand zu sehen, und Anup spazierte kurzerhand auf das Haus zu, die Tür stand offen, innen unterhielten sich zwei Männer. Nach einem kurzen Gespräch auf Marathi fand ich mich auch schon im ersten Stock wieder, der Mann, der sich offensichtlich erboten hatte, uns herumzuführen, betätigte den Lichtschalter und ich war in einer vollkommen anderen Welt. Schon wieder. Vor mir lag ein Raum mit Reihen von Holzstühlen an den Wänden, davon drei besonders große und aufwändig geschnitzte wohl für den Meister der Loge und seine Aufseher, alten Urkunden und Plaketten sowie mehreren Tafeln, auf denen die Vorsitzenden aufgeführt waren, beginnend bei dem Jahr 1835. Die Decke war blau gestrichen und über und über mit Sternen verziert, in der Mitte hing statt eines Kronleuchters ein großes goldenes G (steht für Geometrie). Der Boden, schwarzweißes Schachbrettmuster, an einigen Stellen bereits aufgesprungen und mit Rissen, die sich wie Spinnenweben von Fliese zu Fliese zogen und über das G ausbreiteten, das auch in den Boden eingearbeitet war, komplettierte das Bild. Und diesmal war ich mir sicher, in einem Geisterhaus zu sein, mit Gestalten, die in den Räumen umherstreifen und zwischen den Stühlen stehen und verhallenen Stimmen, die immer noch in der Luft zu schweben schienen, nichts weiter als ein Echo aus der Vergangenheit  Die einzigen Anzeichen, die mir sagten, dass ich nicht aus Versehen eine Zeitreise gemacht hatte, waren die Ventilatoren an der Decke. Und der Mann, der sogar Englisch sprach, wenn auch mit wirklich starkem indischen Akzent, erklärte mir, dass das Haus als bhut bangla bezeichnet wird, Geisterhaus, denn tagsüber ist der Ort verlassen und nachts, wenn sich die Freimaurer zu den Versammlungen treffen, erwacht das Gebäude zum Leben.
  Mittlerweile war es komplett dunkel, langsam wurde es auch kalt, und unser letzter Besuch galt einem Eisenbahnmuseum. Es gibt wahrscheinlich nur ein Bild, das wir Deutschen mit Indien und Zügen verbinden, und das ist das von Gandhi, der aus dem Zug geworfen wurde, weil er Inder war. Das Museum war ein alter Bahnhof, einige Loks waren ausgestellt, mehrere davon made in Germany. Die Inder freuen sich immer besonders, wenn sie uns Deutschen etwas aus unserem Heimatland zeigen konnten, auch bei meinem letzten Besuch einer Reisfabrik durfte ich eine deutsche Reissortiermaschine bewundern (wirklich, wirklich spannend.) und, natürlich ganz nach indischer Manier, auch ein Foto von mir und der Maschine machen lassen.
 Dann ging es zum Haus meiner Gastfamilie, und ich wurde prompt eingeladen, mit der Nachbarsfamilie ins Kino zu gehen. Ist der auf Englisch?, war meine erste Frage, die bejaht wurde, und da zwei kleine Kinder zur Familie gehörten, hatte ich absolut nichts einzuwenden und freute mich auf einen Film ohne Gewalt, Blut und Schlägereien. Kurz darauf saß ich dann zwischen der Mutter und ihrer schätzungsweise sieben Jahre alten Tochter und starrte auf die Leinwand, auf der der König gerade damit beschäftigt war, seinen Gegner zu köpfen. Na toll. HERCULES ist nicht gerade ein Film für die ganze Familie, wenn auch schon etwas näher dran als R...Rajkumar.

Indien ist also nicht nur ein buntes, pulsierendes Land, denn unter der Oberfläche liegt etwas altes, modriges, etwas vergilbtes, das nur darauf wartet, Geschichten zu erzählen, doch diese Stimme ist zu leise und unscheinbar, um unter dem unablässigen Hupen und dem schweren Duft der Gewürze wahrgenommen zu werden. Unter dem roten Pulver und den Blumenketten ist noch viel mehr, etwas, das man nicht immer sieht, weil es sich verflüchtigt, sobald man die Buchseiten aufschlägt. 

Christina


 

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