05.01.2014

Von Chilipulver und goldenen Armreifen


Ich für meinen Teil habe heute bis halb zehn geschlafen, zusammen mit dem sechsjährigen Sohn meiner Gastschwester in einem Bett. Aber den Schlaf brauchte ich auch, nach einem ohrenbetäubend lauten und ebenso buntem Konzert von Bollywoodstar Sonu Nigam und nächtlichem Mangoeisessen auf den Straßen Nagpurs.

  Ich wohne in einer ziemlich großen Familie, deren Verwandtschaftsverhältnisse mir noch recht schleierhaft bleiben (aber das muss nichts heißen, denn ich habe nicht einmal alle ihrer Namen verstanden), in einem verhältnismäßig kleinen Haus mit einer überdimensionalen Anzahl an Sofas. Leider sprechen nur meine beiden Gastschwestern und ein anderes Mädchen Englisch, und auch das nur brüchig, bei den anderen Familienmitgliedern heißt es für mich: lächeln und nicken bzw. Kopfwackeln.

  Nachdem ich einigermaßen wach war, hat mir meine Gastschwester gezeigt, wie man indisch kocht, wobei mein Beitrag in der ganzen Sache darin bestand, mit dem Löffel das Gemüse (das selbst in unzermatschtem Zustand undefinierbar ist) im Topf umzurühren. Und drei Löffel Chilipulver dazuzukippen. Danach habe ich Chapatiteig ausgerollt, und ich muss sagen, das ist nicht ganz so einfach, wie es klingt, jedenfalls nicht, wenn man kreisrunde Formen rollen will. Dass meine Brote nicht besonders rund wurden, machte aber nichts, da sie dafür auf offener Flamme perfekt aufgingen, genauso, wie sie sollen. Meine Gastschwester nannte mich "Chapati-Master" (das heißt aber nicht, dass ich zurück in Deutschland freiwillig eine Pfanne in die Hand nehmen werde, obwohl meine Kochkenntnisse Gemüsematsch sogar noch zulassen würden).

  Der Höhepunkt des Tages war die Hindu-Hochzeit, zu der mich meine Gastfamilie mitgenommen hat. Ausgerüstet mit Sari, unzähligen klimpernden, gläsernen Armreifen, goldenen Ohrringen und Bindi (und beinahe schwarz angemalten Augenbrauen, roten Lippen und rosa Lidschatten, aber das hätte ich mir gern erspart), fuhren wir so lange mit dem Auto, bis wir die Parade erreichten, die sich durch die ganze Straße zog. Ich würde gern sagen, dass ich mich daran gewöhnt habe, von allen angestarrt zu werden, aber das wäre leider gelogen, denn daran gewöhnt man sich wohl nie. Obwohl mir mein Sari schon außergewöhnlich prachtvoll erschien, verschlug mir der Anblick der golden und silbern glitzernden Kleider in allen erdenklichen Farben dann doch die Sprache. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Ungewohnt laute Stimmen und Lachen, übertönt von Armreifgeklimper und dem allgegenwärtigen Hupen der Autos und Scooter, Schmuck aus Edelsteinen und Glas, Stoffe mit feinen Mustern oder so dünn wie ein Lufthauch, all das eingehüllt in eine Wolke aufgewirbelten Staubes und dem Licht der allmählich untergehenden Sonne. Wieder wurde ich allen vorgestellt, aber es war so unglaublich laut, dass ich auch auf Englisch kein Wort verstanden hätte, da eine Band auf Trompeten und Hörnern die Feier unaufhörlich begleitete. Die Männer tanzten ausgelassen, die Frauen hielten sich eher zurück, bewegten ihre Arme und Hände auf eine derart elegante Art und Weise, die uns  Europäern wohl immer verschlossen bleiben wird. Ich wurde in den Tanz einbezogen, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie sich auf Marathi über mich und meine unbeholfenen Bewegungen lustig gemacht haben. Während die Gemeinschaft also die Musik genoss und unentwegt Feuerwerkskörper in den Himmel schoss und künstlichen Schnee in den Massen verteilte, thronte der Bräutigam auf einem weißen Pferd zwischen den feiernden Menschen. Irgendwann hatte die Prozession dann den Platz erreicht, in dem die eigentliche Hochzeit stattfinden sollte, und auch ich war erleichtert, endlich angekommen zu sein, denn in einem Sari zu tanzen (bzw. so zu tun) ist nicht ganz so lustig, wie es klingt, und indische Musik strapaziert das westliche Gehör doch sehr. Es erscheint mir zudem wie ein Wunder, dass niemand von dem Pferd des Bräutigams zertrampelt wurde. Durch einen schmalen, von Tüchern verhangenen Gang betrat ich dann die Wiese, auf deren einer Seite sich die Bühne befand, auf der später die Zeremonien stattfinden sollten, auf der anderen Seite, oder besser gesagt, auf den anderen drei Seiten, war das Essen aufgereiht. Lange, schmale Tische mit prunkvoll verzierten Schalen, Töpfen, Gläsern und Bechern mit allen möglichen Nahrungsmitteln. Leider sollten wir nur bis sechs Uhr abends in den Gastfamilien bleiben und uns dann alle wieder im NCCI treffen, daher blieb mir nicht viel Zeit auf der Hochzeit. In aller Eile wurde ich also noch den Familien des zukünftigen Ehepaars vorgestellt, außerdem durfte ich die Braut bewundern, die wohl wirklich die schönste und glücklichste Frau des Abends war. Einige Minuten, bevor wir gehen mussten, wurde die erste von unzähligen brennenden Laternen in den Nachthimmel entlassen, und ich war für einen Moment gefesselt von der Magie des Abends, von dem flackernden Kerzenlicht, das im Dunkel schwebte, von dem zuckrigen Duft der Süßigkeiten und dem Stimmengewirr der Hochzeitsgäste.

  Wieder im Haus meiner Gastfamilie, musste ich mich in Minutenschnelle umziehen, um zum NCCI zurückgefahren zu werden, und wir waren auch nur knapp zwei Stunden zu spät, aber das ist scheinbar ganz normal hier in Indien. Den Tag beendeten wir mit einem langen Gespräch, in dem wir unsere Gastfamilien miteinander verglichen und unsere Erfahrungen austauschten.

  Zwei Dinge an diesem Wochenende waren wirklich schade, a) dass ich kein Marathi und Hindi kann, denn ich würde gern wissen, worüber sich die Inder unterhalten, während ich unbeteiligt danebenstehe und nichts tue , und b) dass ich keinen Nagellackentferner besitze, um mich von den roten Nägeln zu befreien. Alles in allem waren die beiden Tage mit meiner Gastfamilie aber ein voller Erfolg, ich habe die Küche nicht abgebrannt, ich wurde nicht von einem Pferd totgetrampelt und mein Trommelfell ist trotz indischem Hollywoodstar und Hochzeitsfeuerwerk noch intakt.

Christina

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wir freuen uns über eure Kommentare