13.01.2014

Der Mond am Himmel

Und wir blicken auf einen weiteren Tag in Kalmeshwar zurück, der ziemlich seltsam anfing und ziemlich gut endete. Wir wurden wieder am frühen Morgen mit dem Bus vom NCCI abgeholt, konnten uns hier dann noch ein bisschen ausruhen und verschliefen prompt die Hälfte des Frühstücks. Der Unterricht lief heute etwas anders als sonst, zum einen waren die Kinder nicht halb so aufnahmebereit wie die letzten Male, sie verloren schnell die Konzentration und redeten miteinander. Da half weder unser Englisch noch das Marathi der Lehrer. Vivi und ich versuchten zwei Minuten lang, sie mit bösem Blick anzustarren und somit autoritäre Überlegenheit auszuüben, doch auch davon ließen sich die Kinder nicht beeindrucken, das führte wohl eher dazu, dass sie uns als völlig irre abstempelten. Aber wer würde das nicht tun, bei den ganzen Activity-Songs, die wir singen... Ein weiterer Grund, warum wir den heutigen Morgen nicht gerade als erfolgreich bezeichnen würden, war ein kleiner Junge in der vorletzten Reihe, der unseren Unterricht offenbar so schrecklich fand, dass er sich übergeben musste (den Er-fand-den-Unterricht-zum-Kotzen-Witz erspare ich mir). Aber was für Autoritäten wären wir, wenn wir das Problem nicht beheben würden? Wir holten also einen Erwachsenen. In solchen Fällen ist man ganz froh, dass man sich auf dem a) wir sind doch noch Kinder und b) wir würden ihn ja gern fragen, was passiert ist, aber wir können leider kein Marathi ausruhen kann.
  Am Nachmittag lief der Unterricht wieder richtig gut, sodass wir uns unserer Fähigkeiten als Lehrer überzeugen konnten, die, da sind wir uns alle einig, wirklich ganz ausgezeichnet sind, auch wenn der kleine Junge vielleicht anderer Meinung war. Im Unterricht mit den behinderten Kindern wurden Vivi und ich jedoch vor ein ganz anderes Problem gestellt: Wie malt man eine Kiwi an die Tafel, ohne dass sie aussieht wie ein Ei, ein missglückter Kreis oder eine Mango? Gar nicht, wie wir feststellen mussten, also haben wir mehr oder weniger geschickt von den Früchtenamen abgelenkt und mit dem Zählen weitergemacht, das die Kinder mittlerweile bis zur Einhundert beherrschen. Oder sagen wir, sie haben schon einmal bis zur Einhundert wiederholt, was wir gezählt haben.
  In der Spielestunde haben wir eine abgewandelte Version von Der Plumpssack geht um gespielt, wiederum sehr amüsant für uns, denn die Kinder rennen nicht immer um die Wette, sondern warten aufeinander oder lassen ihre Gegner vor. Am meisten hat uns wieder einmal Abhishek zum Lachen gebracht, der nicht rannte, sondern ganz gemächlich in Zeitlupe joggte, als wäre er zu alt für Kinderspiele.
  Den Abend verbrachten wir wieder gemeinsam mit Father Bijesh, seinem Sohn und auch Bibi und wir redeten lange über Deutschland, die Religionen, Hilfe für Bedürftige und Umweltschutz dort.
Wir freundeten uns noch mehr mit Abhishek an, der nun in den engen Kreis der Menschen aufgenommen wurde, die befugt sind, mich Tina zu nennen, da der Name Christina zu lang und zu schwierig für ihn ist. Wir würden nur allzu gern wissen, was er sagt, wenn er gedankenverloren vor sich hin murmelt, mit dem Kopf wackelnd und den Händen gestikulierend wie ein Professor, der einem unsichtbaren Publikum die Geheimnisse der Menschheit offenbart, die uns verschlossen bleiben. Wir sind einfach nur unglaublich froh, dass er und so viele andere Kinder die Möglichkeit haben, hier zu sein, und dass sein Vater sich so rührend um ihn sorgt, so stapelt er beispielsweise jeden Abend aufs Neue die Zeitungen ordentlich, damit Abhishek sie am nächsten Morgen wieder durcheinanderbringen kann, wie er es so gern tut.
  So schön es hier auch ist, besonders zwei Dinge fehlen mir wirklich sehr.

Was ich an Deutschland vermisse:
1) Musik
Ich hatte zwar nie etwas gegen Musik mit indischen Einflüssen (und ja, ich meine die Beatles), und ich habe auch jetzt nichts gegen indische Musik, solange sie nur im Autoradio gespielt wird (und nicht etwa als zweistündige Dauerbeschallung bei einem Konzert). Während der Fahrt durch die staubigbunten Straßen Nagpurs gibt es nichts, was besser passen und die Atmosphäre noch perfekter machen könnte. Doch vor allem in der Zeit, die Vivi und ich zusammen verbringen und nicht viel mehr als die Ohrwürmer haben, die wir aus Europa mitgebracht haben - vier an der Zahl, und keinen davon sollte man unbedingt singen müssen -, und eine große Handvoll Kanons (die zweistimmig jedoch nicht besonders eindrucksvoll sind und schon gar nicht den Chor ersetzen) dann wünsche ich mir nichts sehnlicher als funktionierendes Youtube. Neben Essen und Schlafen wird Musik hören eines der ersten Dinge sein, die ich machen werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Wie froh wäre ich über Musik ohne nervige Frauenstimmen in anstrengenden Tonlagen. Ich hätte nicht gedacht, dass man längst nicht mehr existierende Bands so vermissen kann.

2) Stille
Und ich spreche nicht von dem unaufhörlichen Hupen der Autos, denn das ist zusammen mit der restlichen Geräuschkulisse Indiens längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich meine die permanenten Fragen der Inder, die sich ständig wiederholen. Sämtliche Mitglieder meiner Gastfamilie (und das sind viele) fragen mich im Minutentakt, ob ich hungrig bin, was ich essen will - ungeachtet meiner Antwort auf Frage Nummer eins -, ob ich Spaß habe (egal, was wir gerade tun, selbst, wenn wir mit dem Auto an einer Tankstelle stehen), ob alles in Ordnung ist, weil ich nicht zu allem etwas zu sagen habe - das ist nämlich undenkbar! Ich bin den Indern offenbar zu still, sie befürchten gleich, dass ich sterbenskrank bin oder sie nicht mag, nur weil ich nicht mit Smalltalktalent gesegnet bin und ununterbrochen über das Wetter oder die schöne Aussicht philosophieren kann. Nicht nur die kleinen Kinder an der Schule bezweifeln meinen Geisteszustand, auch die Erwachsenen, von denen einer mich einmal mit einem Blick bedachte, der wohl aus einer Mischung aus Zweifel, Sorge und Ungläubigkeit bestand, und doch allen Ernstes fragte: "Ist das eigentlich normal?"

Des weiteren wären da natürlich noch
3) Bäder ohne Insektenkolonien
4) Betten ohne Insektenkolonien
5) sämtliche andere Möbelstücke ohne Insektenkolonien
6) Essen ohne Chili



Was ich an Indien liebe:
Abgesehen von 1)-6) absolut alles. Ich liebe die Farben und die Geräusche und die Lichter und die Sonne am Morgen und wenn sie untergeht und die Tatsache, dass die Mondsichel hier nach oben gerichtet ist und nicht seitlich. Ich liebe die Atmosphäre, die Stimmung, die Lebensweise, die Weihrauchtempel, die Gelassenheit, die Blumengirlanden, die meditative Ruhe, die über allem zu liegen scheint, selbst über der lauten Hektik des Verkehrs. Ich liebe die Art, wie die Marktverkäufer ihr Obst in Pyramiden übereinander schichten und das bunte Pulver in kleinen Gefäßen, die sich auf jedem Stand stapeln. Ich liebe den Wind, der immer wieder neue Gerüche mit sich bringt und alles Belastende mit sich zu nehmen scheint und ich liebe die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und dass ich gelernt habe, alles das zu schätzen zu wissen, was ich habe, von der Flasche Ketchup bis zu dem eigenen Zimmer. Ich liebe die Schönheit der Stadt, die sich gleichermaßen aus Müll und Lärm und Wärme und Gewürzen und bunten Früchten zusammensetzt wie ein Mosaik mit unergründlichem Muster. Und ich liebe das Granatapfelrot und das Smaragdgrün und das Meerblau.

Ich liebte schon immer die Geschichten über ferne fremde Länder und ich liebe es, dass wir jetzt selbst eine dieser Geschichten sind.

Christina

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