08.01.2014

Kleine weiße Blumen

Jeder Morgen hier in Kalmeshwar erinnert mich immer wieder an einen dieser Ferientage, die man früher als kleines Kind auf dem Bauernhof verbrachte, der Hahn kräht um fünf das erste Mal und danach im Stundentakt, meistens bin ich schon viel früher wach als Amelie neben mir und erspähe durch die dicken Baumwollvorhänge die ersten Sonnenstrahlen.
Dann denke ich oft über mein wahrscheinlich bis jetzt größtes Abenteuer, Indien, nach.
Ich muss zugeben, dass diese Gedanken nicht immer die besten sind und hier für mich auch schon oft in Tränen endeten.
Ich habe mir sicher vieles einfacher vorgestell,t als es jetzt ist, aber eben heute an diesem Morgen habe ich mich dazu entschlossen, nicht länger zu jammern und den Sonnenschein vor dem Fenster endlich auch in mein Herz zu lassen.
Und so ergab es sich, dass ich trotz ein paar weniger Momente, in denen ich mir sehr verloren vorkam und die hier in Indien nun einmal auch dazu gehören, mich immer wieder aufrappelte und versuchte bei der Arbeit mit den Kindern mein Bestes zu geben.
Ich kann nur sagen, diese Bemühungen haben sich einmal wieder gelohnt, denn vor allem die Arbeit mit den behinderten Kindern wird mir von Tag zu Tag wichtiger.
Es ist nicht immer ganz einfach, ihre ständigen Versuche, sich uns zu nähern, hinzunehmen und nicht als störend zu empfinden, sich immer und immer wieder anfassen und zu irgendwelchen Spielen mitziehen zu lassen, aber unser Arbeit hier trägt auch von Tag zu Tag mehr Früchte.
So sind vor allem Amelie und ich unglaublich überrascht, wie diszipliniert unser Klasse an der Prerana Special School ist und wie viel sie von den Dingen behalten, die wir unterrichten.
Am Schönsten ist es aber zu sehen, wie wunderschön Kinder lachen können und sich freuen, wenn sie mal keiner anschreit oder ausschimpft, weil sie etwas langsamer sind als Andere, so wie es die Lehrer hier leider oft tun, sondern sich für sie Zeit nimmt, sie lobt und mit ihnen singt und so machen wir es uns jeden Tag zur Aufgabe diese zwei Stunden mit ihnen so interessant und abwechslungsreich wie nur möglich zu gestalten, und es gelingt!
Diesen Tag machten aber nicht nur die Kinder zu etwas ganz Besonderem, denn zum Lunch bekamen wir hohen Besuch von einigen orthodoxen Patern der Umgebung, die für uns und die Kinder ein ganz besonderen Buffet anrichten ließen, es gab sogar Ananas, frische, indische Ananas, was für ein herrlicher Genuss.
Vor allem, weil ich mich hier so sehr auf die Mangos gefreut hatte und ich dann leider feststellen musste, dass gerade keine Mangozeit ist und ich deshalb wohl eher erst einmal auf frische, süße Mango verzichten muss.
Doch zurück zum Lunch, bei welchem wir plötzlich begannen, den Patern einige deutsche Sätze beizubringen und diese uns dafür sogar freundlicherweise erklärten was genau wir da gerade auf unseren Tellern hatten und was wir lieber nicht probieren sollten, weil es für uns arme kleine europäische Mädchen zu scharf sein würde.
Nett gemeint, aber natürlich kosteten wir doch alles und zumindest ich für meinen Teil habe mich inzwischen sehr gut an die Schärfe gewöhnt und nehme jede kleine Abwechslung im doch sehr einseitigen indischen Essen gerne entgegen.
Vor allem das „mit den Händen essen“ macht mir unglaublich viel Spaß :)
Zwar gibt es gerade keine Mangos zu vernaschen, dafür blühen in Indien aber zu jeder Zeit alle möglichen Blumen.
Und diese wunderbare Tatsache wurde heute von uns dazu genutzt, der Besitzerin unseres kleinen Kiosks neben der Schule einen kleinen Besuch abzustatten und sie darum zu biiten, uns Blumen in die Haare zu flechten (wir hörten, dass das eines ihrer Spezialgebiete sei).
Sie versteht zwar kein Wort Englisch, ist aber eine herzensgute Frau und willigte sofort ein.
Wir pflückten von ihrem Jasminstrauch, in Indien blüht so etwas in jedem Garten, die reifen, weißen Blüten ab und sahen ihr dann einfach nur eine halbe Stunde lang dabei zu, wie sie die Blüten zu einer langen Kette zusammenknotete.
Ihr müsst wissen, dass in Indien die Zeit eine völlig neue Bedeutung bekommt und man auf einmal so viel mehr Zeit zu haben scheint, dass man als gestresster Deutscher, der es gewohnt ist, jeden Tag nur von A nach B zu rennen, erst einmal gar nicht weiß, was man damit anfangen soll.
Doch inzwischen genießen wir diese Ruhe und haben gelernt uns einfach nur hinzusetzten, zuzusehen, einzuatmen und den Dingen ihren Lauf zu lassen...
Spontanität gehört zur indischen Mentalität ebenso dazu, und so wurden wir am Abend ganz spontan in das Haus von Father Bijesch eingeladen, um ihm und Bibi ein bisschen Deutsch beizubringen.
Ich merkte einmal wieder, wie viel Spaß das machte, seine eigene Muttersprache so auseinander zu nehmen, dass sie auch für Nichtmuttersprachler verständlich wird und wie sehr ich mir wünschen würde, hier wirklich Deutsch und nicht Englisch unterrichten zu können.
Aber nun ja, so ist auch dies eine der zahlreichen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt.
Ich bin unglaublich gespannt auf die nächsten Tage und hoffe, dass sie uns nur Gutes bringen werden, ebenso sehr, wie ich hoffe, dass sie euch auf der anderen Seite der Welt nur Gutes bringen werden.

Maxi 
 
 

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