01.01.2014

muskurate raho

Um die Farben und die Vielfalt, die Impressionen und das Wesen dieses Landes auch nur ansatzweise vermitteln zu können, reichen eigentlich fast keine Worte. Indien ist ein Land der Farben und des Lichts und wir würden wirklich gerne Fotos mit euch teilen, damit ihr ansatzweise nachempfinden könnt, was hier täglich auf uns wirkt. Die Fotos, die wir hier machen, zeigen eindrucksvolle Menschen mit bunten Gewändern, indische Fülle, verträumte Landschaften, malerische Farben, aber auch ein allgegenwärtiges grau und ein Szenario der Unterschiede.
Leider funktioniert der Karten-Slot des Laptops, den die Weltklasse uns gestellt hat, nicht, weswegen wir aus Indien nur Texte nach Deutschland übermitteln können. Aber natürlich werden wir versuchen, so bald wie möglich, vielleicht erst wenn wir wieder in Deutschland sind, jeden Blogeintrag mit Bildern aufzufüllen. Nun ist also zuerst eure Imagination gefragt, aber freut euch auf wirklich schöne und eindrucksvolle Bilder.

Wir sind nun den dritten Tag hier, gestern feierten wir Silvester mit den Kuruvillas in einer so familiären, herzlichen Atmosphäre, das wir das Gefühl hatten wir kennen uns schon ewig und sind schon eine Ewigkeit in Indien. So schweben wir zwischen einem "Wie schnell vergeht bitte die Zeit?" und "Was? Erst 3 Tage?".
Die Nacht verbrachten wir besser als die vorherige nach der Silvesterfeierei, aber auch noch nicht optimal. Unsere Körper und unser Biorhythmus brauchen ihre Zeit sich an alles zu gewöhnen, den Jetlag zu überwinden und in den neuen Tagesrhythmus hineinzukommen.
Frühstück gab es wie immer um 9 Uhr (natürlich Ortszeit) und danach ging es weiter mit unserem Warli-Kurs. Die Warli Malerei macht wirklich Spaß und hat fast eine entspannende Wirkung; zurück in Deutschland werde ich dem Bildungsministerium Warli Art als Alternative zum Matheunterricht vorschlagen. Zum Wohlbefinden der Schüler.
Danach hatten wir wieder eine Hindi-Stunde mit Ridhja, die wir spontan nach draußen in die Sonne verlegten. (Lasst euch sagen, so ein "Winter" in Indien lässt sich aushalten) Nun können wir ein paar Worte und Floskeln auf Hindi sagen, manches sogar in Hindi schreiben. Mein Favorit: "muskurate raho", was so viel bedeutet wie "Hör nicht auf zu lächeln". Ein guter Leitspruch für die kommenden Abenteuer. Danach holte uns Philip ab, damit wir dem zuständigen Polizeioffizier vorsgestellt werden konnten. Das war etwas gruselig ehrlich gesagt, denn man fühlt sich schon wie ein Schwerverbrecher und potentieller Terrorist, wenn einen so viele Polizisten auf einmal anstarren.
Aber dann wäre das auch geklärt. Danach holte uns Ridhja wieder ab, um mit uns zum Nagpurer Bahnhof zu fahren um mal etwas indisches Großstadtleben zu schnuppern.
Zum Ersten sei gesagt, dass ich noch nie so viele unvorsichtige Autofahrer auf einmal gesehen hab. Die Inder haben irgendwie ihr eigenes Regelwerk im Straßenverkehr. Erste Regel: Es gibt keine Regeln. Und falls doch, sind diese zu missachten. Aber auf eine wundersame Weise funktioniert es einfach. Zum Zweiten fühlt man sich nach einer gewisser Zeit so alleine zwischen all diesen Menschen, obwohl man ja eigentlich nicht alleine ist. Aber alle Leute, wirklich alle Menschenmassen starren uns an, als hätten sie noch nie einen weißen Menschen gesehen, und manche haben das wahrscheinlich auch nicht. Sobald wir mit Indern in Kontakt treten, kommt uns ganz viel Herzlichkeit, Freundlichkeit und Wärme entgegen, aber wenn Menschen einfach nur starren, fühlt man sich irgendwann sehr einsam und wünscht sich, sich auch in der Anonymität eines indischen Äußeren verstecken zu können.
Zu dem Bahnhof sei gesagt: Läuft bei denen. Der Bahnhof ist sehr groß, gefüllt mit Menschen, dreckig wie man es aus der Stadt gewohnt ist. Uns begegneten Unterschiede von modern gekleideten Menschen mit Smartphones, zu traditionellen Frauen mit Saaris, die Körbe auf ihrem Kopf trugen, wie man es aus dem Dschungelbuch kennt. Ebenso machten wir Bekanntschaft mit Bettelkindern, die wie kleine Geister mit traurigen Mienen um uns herum schwirrten und nicht ablassen wollten. Das war wirklich keine schöne Erfahrung, weil es einem fast das Herz zerreißt sie abzuschütteln, aber man andererseits auch weiß, dass man ihnen explizit mit dem Geld nicht helfen würde.

Ausklang fanden diese Erlebnisse mit dem Besuch eines Bollywood-Films namens "Rajkumar" mit unseren lieben Gastgebern Bibi, Maria und Philip. Ich weiß nicht inwieweit wir selber Schuld waren, dass wir danach schockiert das Kino wieder verließen, einfach nur, weil wir falsche Erwartungen hatten. Bollywood - das bedeutete bisher für uns nur bunte Farben, indische Musik, tanzen, tanzen, tanzen, Shan Khan in jedem Film unerlässlich, wie eine kitschige Liebesgeschichte.
Rajkumar allerdings war eine Mischung aus Comedy-Quatsch, Actionfilm a la "Wir zeigen mal alles was die Jungs vom Special Effects-Team können" und eine Liebesgeschichte, die Rosamunde Pilcher nicht hätte dramatischer und inhaltsloser schreiben können. Also kurz um, uns gefiel der Film wirklich nicht besonders. Die Gewalt, die gezeigt wurde, war  so ausführlich und schrecklich, dass man irgendwann nach 2 Stunden (der Spaß dauerte insgesamt 3 Stunden) einfach nur noch resignierend in seinem Kinosessel saß und sich die Ohren zuhielt, denn es war so furchtbar laut in diesem Kino, dass jeder Special-Effect Sound wie ein Stich durch das Trommelfell ging. Die Inder um uns herum zelebrierten den Film und ihre Helden aber trotzdem und nur wir vier Mädchen saßen mit fassungslosen Gesichtern verloren dazwischen.
Aber auch das war eine Erfahrung in jedem Fall, die uns immerhin Bollywoods wahres Gesicht zeigte, wenn auch leider ohne Shan Khan.

Nach diesem Tag der interessanten und teilweise nachdenklich machenden Erlebnisse, verarbeiteten wir alles, wie immer, zu viert im Gespräch in der Wohnstube unserer NCCI Unterkunft und in diesem Momenten ist es doch wirklich besonders schön als Team ein Land wie Indien zu entdecken.

Amelie






 

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