Ein letztes Mal fuhren wir in der Frühe mit dem großen weißen Auto und dem immernoch außerordentlich schweigsamen Fahrer nach Kalmeshwar. Und nach dem üblichen zweiten Schlaf dort folgte das zweite Frühstück - zu dem wir natürlich (ehrlich gesagt nicht ganz unabsichtlich) wie üblich zu spät kamen. Als wir anschließend im Zimmer unsere Taschen gepackt hatten, mussten wir feststellen, dass Abishek die Zeitschrift, mit der wir ihn beim Frühstück gesehen hatten, wohl heimlich aus unserem Zimmer stibitzt hatte. Und als Christina und ich das den anderen verkündeten, hieß es: "Jetzt wissen wir auch, wer unsere ganzen Süßigkeiten gegessen hat." Ganz zu schweigen von der Überschwemmung im Bad, nachdem er unsere Toilette verwendet hatte...
Der Plan für heute sah eine ganz normale Schulbesichtigung in den Vormittagsstunden vor. Die fiel dann allerdings anders aus als wir erwarteten... Das Auto war entgegen unserer Erwartungen schon ziemlich gefüllt, weshalb wir wieder zu viert gequetscht auf der Rückbank saßen. Als laut die Filmmusik von R...Rajkumar angemacht wurde, sangen wir lautstark mit - so anders der Film doch war, die Musik ist ein echter Ohrwurm und macht unendlich gute Laune, so dass wir sogar schon überlegen die Pforte-Discos zu reformieren...
Unser erster Halt war dann schonmal nicht die Schule, sondern das Haus von irgendeinem Onkel des Direktors der Schule, die wir besichtigen...? Dort nahmen wir jedenfalls unser drittes Frühstück zu uns, und eine Antwort auf die Frage, warum wir dort waren, bekamen wir, als wir weitergefahren sind - mit nun drei statt zwei Personen im Kofferraum. Warum wir uns allerdings so lange im Haus aufgehalten haben, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.
Unser nächster Halt war zwar die Schule, doch sie sah etwas anders aus als erwartet, nämlich genauso wie die Schule, wo wir normalerweise unterrichten. Abgesehen davon, dass sie ebenfalls "Pioneer School" hieß, die Schüler genauso alt waren und die gleiche Schuluniform trugen,
war alles noch ein bisschen kleiner (weshalb ich für meinen Teil auch etwas überrascht war, dass das schon die Schule ist, ich hatte eher mit noch einem Wohnhaus gerechnet...). Wir wussten nicht so recht, was wir eigentlich machen sollten dort, also landeten wir nach nicht allzulanger Zeit wieder auf Stühlen beim Rektor und kamen zu unserem vierten Frühstück.
Es folgte eine Einladung in die Wohnung unter der Schule, wer genau da allerdings gewohnt hat und wieso wir da waren, blieb mir wieder ein Rätsel, da keiner dort wirklich ein Wort mit uns geredet hat. Wir bekamen dort jedenfalls unsere dritte Schicht Pulver auf der Stirn (wie man das eben hier als Willkommen bekommt...).
Eine etwas andere Schule von direkt gegenüber sahen wir dennoch - nicht mehr als das, denn es handelte sich um eine Marathi-Schule, heißt, die Kinder lernen Englisch als dritte Sprache und nicht als erste. Die Kommunikation war dementsprechend ziemlich genau einfach nicht vorhanden.
Spätestens an diesem Punkt rechneten wir damit, zurückgebracht zu werden - stattdessen hatte man derweil in dem Haus unter der Schule Tee für uns gemacht - zu den vier Frühstücken gesellte sich also im Magen auch noch der vierte Tee an diesem Morgen. Ich fragte mich, als wir dann letztendlich doch irgendwann ins Auto stiegen, wie ich gleich noch Mittagessen hinunterbekommen sollte.
Ich wusste ja nicht, dass unser Weg noch nicht zurück zur Prerana School führte (wo wir längst hätten hinfahren müssen, denn man wartet ja dort ab 13 Uhr auf uns), sondern in ein weites Gebiet mit lauter Luxus-Häuschen, wirklich Luxushäuschen. So mit Pool im Garten und englischem Rasen und überaus moderner Innenausstattung. Mal wieder haben wir uns gefragt, was wir da eigentlich sollen, denn nicht, dass da jemand gewohnt hat - nein, das ist einfach nur ein farmhouse project. Was jetzt so direkt eigentlich nicht nach Indien aussieht und dort auch irgendwie fehl am Platze ist. Und abgesehen von Schauen und einem Glas Wasser serviert bekommen (unser neuntes? zehntes? was weiß ich, ich habe nicht mitgezählt) haben wir dort auch nichts weiter gemacht, man wollte uns also allem Anschein nach einfach nur dieses tolle Projekt präsentieren, uns - den reichen Europäern.
Als wir erneut ins Auto stiegen, begann ich daran zu zweifeln, ob wir nicht doch noch vielleicht zehn andere Halts machen bevor wir Prerana erreichen, doch wir fuhren tatsächlich direkt dahin und kamen nur ganze fünfundfünfzig Minuten zu spät zum Lunch.
Ich muss sagen, dass mir der Ausflug trotzdem ganz gut gefallen hat - wir haben zwar nicht so viel Neues gesehen (außer die zwei Meter lange schwarze Schlange, die sich in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit durchs Gras geschlängelt hat - wir haben sie (zum Glück) nur vom Auto aus beobachtet, aber in Prerana wurde uns auch schon mitgeteilt, dass wir nachts möglichst nicht rausgehen sollten, weil es hier giftige Schlangen gibt... beruhiged, muss ich sagen) aber je mehr man sieht, desto mehr weiß man einzuschätzen, was normal ist.
Unser Lunch stand natürlich noch unberührt da als wir kamen - fünf Minuten, bevor der Unterricht begann. Nicht, dass ich Lunch gebraucht hätte, aber es ist ja schon etwas unhöflich, wenn so lange auf einen gewartet wurde und man dann nichts isst... also hab ich nochmal gegessen. Und so mussten nicht nur die Küchenfrauen, sondern auch die Lehrer auf uns warten, denn zum Unterricht kamen wir folglich auch zu spät. Der Unterricht selber war aber extrem toll heute: Christina und ich haben mit den Kindern Himmel und Hölle gefaltet - ja, das hat eine ganze Unterrichtsstunde gedauert, wir mussten oftmals jedem Kind einzeln helfen, aber am Ende hatte jeder ein (mehr oder weniger ordentliches) Himmel und Hölle in der Hand und freute sich darüber. Und wir konnten sogar auch noch etwas lernen, denn der Lehrer, mit dem wir uns immer mehr anfreunden, ging ebenfalls im Falten auf und bastelte noch eine andere Skulptur, an der auch wir unseren Spaß hatten...
Die Competition Time wurde heute wieder mit Topfschlagen gefüllt - und es traf auf noch mehr Begeisterung als beim ersten Mal, denn es waren unter den Töpfen nicht nur Süßigkeiten, sondern auch Spielsachen zu finden. Und die Lehrer haben mal wieder ihre Schüler ganz schön veralbert - wenn man sie mit einer Plastik-Eidechse herumrennen und Kinder damit erschrecken oder den Topf mit dem Fuß wegschieben sieht, fragt man sich sowieso, wer eigentlich erwachsener ist...
Bibi kam bald nach dem üblichen Tea, um uns beim house visiting zu begleiten. Jeder Gruppe werden an einem Tag der Reise ein paar Dorfhäuser von Schülern der Prerana School gezeigt, damit sie einen Eindruck bekommen, wie man hier im Dorf lebt.
Das erste der drei Häuser sah so aus, wie wir auch schon die meisten Häuser hier erlebt hatten: ziemlich dunkel und nicht gerade vielseitig gestaltet, mit einem durchgehend laufenden Fernseher und einer immer offen stehenden Tür... wir sahen hier nur ein Zimmer, aber den Rest des Hauses konnte man sich vorstellen, diese Art waren wir gewohnt. Es war eines der reicheren Familien.
Das nächste Haus sah schon ganz anders aus: zwei winzige Räume, keine Fenster, keine Möbel außer ein kleines Regal und ein Bett, die anderen drei Personen in diesem Haushalt müssen auf dem Boden schlafen. Die Wände aus Lehm, der Boden aus Kuhdung (der mit Wasser zu einer Pampe gemixt wurde und dann getrocknet ist - glücklicherweise geruchlos) aber dennoch sehr sauber gehalten (ich war auch wirklich überrascht, wie ordentlich es in den Häusern ist - laut Bibi im Gegensatz zu den Häusern in Slums), und das Dach aus Stöcken und nicht gerade ordentlich angeordneten Ziegeln - also alles andere als dicht, sodass sie während der Regenzeit eine Plane darüber legen müssen. Und die Türen so klein und niedrig, dass ich zuerst nicht glauben konnte, dass das ein Hauseingang sein sollte.
Das dritte Haus sah ähnlich wie das zweite aus, mit dem Unterschied, dass in den zwei winzigen Räumen zehn Menschen wohnen. Und dass trotz aller Schlichtheit ein laufender Fernseher in der Ecke stand, der da so zwischen den Lehmwänden gar nicht ins Bild passte.
Menschenmassen empfingen uns auf der kleinen Straße vor dem Haus, als wir wieder hinauskamen - keiner sprach mit uns (wie auch, in den Dörfern spricht man so gut wie kein Englisch) aber man starrte, machte Fotos und rannte dem Auto hinterher, mit dem wir wegfuhren. Es stört mich mehr und mehr, dass einem als Weißer automatisch schon so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich hatte mir die Häuser nicht wirklich anders vorgestellt als sie waren, aber es ist trotzdem immer noch etwas anderes, wenn es nicht länger nur eine Vorstellung von etwas bleibt.
Christina und ich haben uns fest vorgenommen, die letzten Tage zu genießen ohne daran zu denken, wie wenige es nur noch sind. Denn der Gedanke daran macht uns so unglaublich traurig - nicht, dass wir uns nicht auch darauf freuen, wieder nach Hause zu kommen, aber wir wissen einfach, wie sehr uns das alles hier fehlen wird. Vier Wochen sind doch viel weniger als wir dachten, am liebsten würden wir viel länger hier bleiben.
Vivi
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