22.01.2014

Blumen im Staub

 
Aber wie so oft schliefen wir nicht, sondern redeten noch lange. Darüber, wie glücklich wir hier sind, und wie glücklich wir darüber sind, diese Entscheidung getroffen zu haben, hierher zu kommen, und darüber, wie wir die Spinnen loswerden.
 
 Diese Sätze habe ich an unserem ersten Tag hier in Kalmeshwar geschrieben. Nichts daran hat sich geändert, ich bin noch immer genauso glücklich wie vor drei Wochen, es gibt nichts, absolut nichts, was mich diese Entscheidung bereuen lassen könnte - nicht einmal ansatzweise. Und was die Spinnen angeht: Die sind neben den Fröschen und Schlangen wohl mittlerweile wortwörtlich unser kleinstes Problem.
  Dies ist der erste Text, der mir wirklich schwer fällt. Immer fasste sich alles wie von selbst in Worte, die Ereignisse, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Aber jetzt, wenn unsere Zeit hier in Indien langsam zur Neige geht... Wo fängt man an, wenn alles gerade endet?
  Heute war ein schwerer Tag. Heute war der Tag des Abschieds - Abschied von Kalmeshwar, von den Kindern, die wir doch gerade erst kennengelernt haben, von Father Bijesh, der Competition-Time, den Küchenfrauen und Lehrern. Wir haben immer gesagt, diese Zeitspanne der vier Wochen sei perfekt, nicht zu kurz, nicht zu lang, doch je mehr Zeit vergeht, desto bewusster wird mir, dass sie sehr wohl zu kurz ist. Viel zu kurz. Wir haben Indien noch nicht einmal ansatzweise begriffen. Nicht, dass ich diese Illusion jemals gehabt hätte - Indien verstehen zu können, das ist wahrscheinlich nicht einmal den Indern vorbehalten. Wir können also nichts weiter als erleben und genießen. Und das tun wir, Tag für Tag aufs Neue, und es gibt immer wieder etwas, das uns begeistert und fasziniert. Aber auch für die Arbeit mit den Kindern ist die Zeit viel zu kurz. Wir lernen sie und ihre Stärken und Schwächen immer besser kennen, so gibt es in unserer Klasse ein Mädchen, das besonders gut zählen kann, und einen hyperaktiven Jungen, der immer mit Leib und Seele mitsingt. Erst jetzt, in der letzten Woche, hat Simon, der kleine taubstumme Junge, von ganz allein nach meiner Hand gegriffen, als ich neben ihm saß.
  Am ersten Tag, als wir hier in Kalmeshwar ankamen, waren wir froh über das Lächeln der Kinder, jetzt sind wir Teil davon.
Und von all dem hieß es heute Abschied nehmen. Heute Morgen aßen wir unser letztes Frühstück hier in Kalmeshwar, wir fuhren ein letztes Mal mit dem gelben Schulbus zur Pioneer School, wir sahen die Kinder und Lehrer dort zum letzten Mal. Sie hatten etwas Besonderes für uns vorbereitet. Wir wurden aufs Dach geführt, auf dem die Kinder in bunten Kleidern auf uns warteten. Und nicht nur sie, auch der Schulleiter und mehrere andere Personen, unter anderem sogar ein Reporter. Die Kinder tanzten uns in weißen Kleidern, die wohl jedes kleine Mädchen neidisch gemacht hätten (und wenn wir ehrlich sind, auch uns), einen indischen Tanz vor, und dann sollten wir, nachdem die noch kleineren einen weiteren Tanz aufgeführt hatten, mittanzen. Ich muss sagen, Indien bringt mich dazu, eine Menge Dinge zu tun, die ich sonst eher nicht freiwillig getan hätte; Eiskalt duschen, kochen, Sport machen, tanzen, ich betone tanzen. Wobei es wohl niemanden auf der Welt gibt, der einen besseren Hüftschwung hat als der kleine Junge rechts im Bild. 
 
 
 
 
Nach ein paar weiteren Snacks und einem Foto für die Zeitung fuhren wir wieder zurück zur Prerana School. Auch dort gab es einen Farewell für uns, und wieder tanzten die Kinder, auch hier tanzten wir (und ich habe ganz genau gesehen, wie uns der Lehrer ausgelacht hat), wir sangen für die Kleinen und sie schenkten uns ein Plakat, auf dem sie alle unterschrieben haben. Es ist nicht zu fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie kann es sein, dass wir all diese Kinder schon wieder verlassen müssen?
 
 
Zum Tea gab es heute für uns Panipuri, weil die Küchenfrauen gehört hatten, dass wir die Wasserbälle mögen, und Schokoladenkuchen, danach zeigten uns zwei der Frauen eine indische Kunst, genannt Rangoli. Dabei streut man buntes Pulver in Mustern auf den Boden, erst zieht man mit weiß die Linien, dann füllt man die Flächen mit Farben. Nachdem wir es erst einmal mit "ausmalen" probiert hatten, gestalteten wir letztendlich unsere ganz eigenen Rangoli.
 
 
 
Nach dem Dinner trafen wir uns zum letzten Mal mit Father Bijesh, und ich muss sagen, er ist eine unglaublich inspirierende Person. "There is always hope", das hat er gesagt, er, der das Christsein lebt, er, dem es das Leben so schwer gemacht hat Er scheint zum Geschichten erzählen geboren zu sein. Wir saßen dort in dem Bewusstsein, dass das wahrscheinlich das letzte Mal sein wird, und hörten ihm mit einem Kloß im Hals zu. Er hat eine wirklich ergreifend traurige Lebensgeschichte, und nicht nur er, auch beinahe alle anderen, die hier arbeiten. Sie alle kommen aus armen Familien, haben kranke Familienmitglieder und kein Geld, sie alle sind hier, weil sie die Kinder lieben und ihnen diese Arbeit über alles geht. Das ist das Lebensgefühl, das an Indien so bewundernswert ist. Das und so viel mehr. 
 
Auch in dieser Nacht schlief ich noch lange nicht, wach gehalten von den Gedanken, die mir nach dem Gespräch mit Father Bijesh unweigerlich im Kopf herumschwirren. Und mir wird bewusst, dass mir Father Bijesh, all die anderen, die ich hier getroffen habe, und Indien etwas gegeben haben, das mit keinem Geld der Erde zu kaufen ist. Hope.


Christina

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