12.01.2014

Ein Teil vom Ganzen werden


Jedes Erwachen in meiner Gastfamilie verspricht einen guten Morgen, wenn die leisen Schritte des Familienlieblings Muffin, einem goldener Retriever, vor meiner Zimmertür zu hören sind und das Wasser im Teekessel leise beginnt zu pfeifen, schlage ich die Augen auf und habe unglaublich große Lust aufzustehen und dem Tag zu begegnen.
Und auch als ich diesen Morgen aufstand und aus dem Zimmer ging, kam mir meine Gastmutter mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht entgegen und reichte mir eine kleine Tasse Chai Tea (natürlich, Tea at first)
Frühstücken muss ich übrigens und zu meinem großen Glück kein indisches Frühstück, alias Reis oder Kartoffelmatsch mit scharfer Soße, nein, ich bekomme frisches Toast und Eier, extra für mich zubereitet und eben dies macht das Frühstück somit zu einer meiner Lieblingsmahlzeiten!
Nach Beenden des Essens, was wirklich viel Zeit in Anspruch nimmt, da am Tisch in der Küche nur vier Stühle sind und die Familie aus sieben Familienmitgliedern besteht und deshalb in Etappen gegessen wird, während die Frauen ganz zum Schluss dran sind, da sie stets für das Servieren des Essens verantwortlich sind, ging ich mit meinen Gastschwestern ein wenig die Gegend erkunden.
In der Siedlung, dich nicht weit vom National Airport entfernt ist, gibt es unglaublich viele kleine Tempel, die oft gar nicht als solche zu erkennen sind, da sie oft wie ganz normale Häuser aussehen.
Betritt man diese aber, ist es jedes Mal, wie in einen Traum aus tausendundeiner Nacht einzutauchen.
Der Raum ist vom dichten Nebel der Räucherstäbchen eingehüllt, auf dem Boden liegen Kokosnussschalen die man Ganesha, dem Elefantengott, der Früchte über alles liebt, geopfert hat und der Glanz, der von den bunten Götterfiguren ausgeht, lässt selbst die schlichtesten Tempel wie kleine Paläste aussehen.
Ich bin immer wieder begeistert von dieser Atmosphäre.
Als wir von unserem kleinen Spaziergang zurück kamen, warteten meine Gastmutter und mein Gastvater bereits auf mich, so oft wie ich davon spreche, dass ich die Frauen in ihren bunten Gewändern unvergleichlich schön finde, ist es gar kein Wunder, dass sie einen kleinen Shoppingausflug für mich geplant hatten.
Ich war voller Vorfreude als wir durch die Straßen fuhren und der Altstadt von Nagpur immer näher kamen, an jeder Ecke ein kleiner Stand mit bunten Tüchern, goldenem Schmuck, aufgebrachten Händlern und hin und wieder eine Kuh, die das ganze bunte Treiben misstrauisch musterte.
Es war unglaublich toll, dass meine Gasteltern ausgerechnet den Ort des ursprünglichen Handelns ausgesucht hatten und mich nicht in irgendeine Mall schleppten, die man wohl irgendwie überall auf der Welt findet.
Nein, ich war, sobald ich aus dem Auto stieg ein Teil der bunten Menge. Meine Gastmutter nahm mich an der Hand, da um mich herum nur Menschen waren, Menschen und Motorräder und hin und wieder ein Auto, obwohl die Straßen eigentlich viel zu klein für ein solches waren und alles lief und fuhr kreuz und quer und dazwischen Schreie, Hupen und weinende Kinder auf den Armen ihrer Mütter.
Ich ließ mich sofort von dem bunten Treiben mitreißen und lief einfach mit dem Strom, es war genau das, was ich mir von Indien vorgestellt hatte und weit ab von Kalmeshwars Einöde und der kleinen, ruhigen Oase, die NCCI für uns darstellte spürte ich zum ersten Mal das indische Leben überall um mich herum.
Gleich der erste Laden den wir betraten, ließ mich aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen.
Frauen saßen um einen Haufen bunt funkelnder Stoffe herum und feilschten um die sowieso schon niedrigen Preise.
Wohin man sah war es bunt und leuchtend und viel zu viel als dass ich mich wirklich für etwas hätte entscheiden können.
Zum Glück hatte ich bereits eine Leggins erworben, eine Grasgrüne und so als wäre sie für mich bestimmt, strahlte mich aus einem großen, bunten Haufen eine strahlende korallenfarbene Kurta an.
Sie war schon ohne das Anprobieren sofort gekauft.
Meine erste indische „Tracht“ ist also eine Kurta mit Leggins, dabei könnt ihr euch eine Art große Tunika vorstellen, die man über eine hautenge Leggins zieht, vor allem für die jungen Frauen hier stellt das die alltägliche Kleidung dar.
Ich schlenderte noch durch einige weitere Geschäfte, kaufte ein paar Bindis, probierte ein paar Bananen von einem kleinen Obststand und als ich mir eine Kokosnuss bestellen wollte, traf ich auch noch auf Deutsche, die ebenfalls soziale Arbeit in einem umliegenden Dorf allerdings für elf Monate ausführten.

Meine Gasteltern luden sie ebenfalls auf eine Kokosnuss ein und so saßen wir alle gemütlich an der Straße schlürften Kokosnussmilch und ich erfuhr, dass eine der Freiwilligen aus Halle kommt und eine gute Freundin hat, die ehemalige Pfortenserin ist.
Ja hätte mich auch gewundert, wenn ich unserer Spezies oder wenigsten welchen, die von uns gehört haben mal nicht begegnet wäre.
Mittlerweile war es 15.00 Uhr und seit dem Frühstück hatte ich nichts gegessen, was mich tatsächlich dazu veranlasste den Lunch nicht einfach nur zu essen, nein ich schlang.
Dabei musste mir wohl entfallen sein, wie scharf indisches Essen sein kann und so bekam ich den vollen Nachgeschmack der Chilischoten mit dem letzten Bissen zu spüren und oh mein Gott, ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie etwas derartiges gegessen.
Ich musste wohl einen Feuerball verschlungen haben, der nun auch noch veranlasste, dass sich sämtliche meiner Tränendrüsen öffneten und ich die Schärfe raus heulte.
Meine Gastmutter verzog zu erst ein wenig den Mund und begann dann lauthals zu lachen.

Nach dem Essen folgte wie immer eine Rest, die ich allerdings nicht wirklich mit ausruhen verbrachte sondern damit in meine Kurta zu schlüpfen und mich stundenlang im Spiegel zu betrachten.
Dazu sei gesagt, dass wirklich niemand in einem indischen Gewand schöner aussieht als eine Inderin, doch, es ist schon unglaublich, wie diese Farben einen plötzlich viel bunter werden lassen. Sie füllen einen mit Leben, das bisher nur um uns herum existiert hat.
Plötzlich wird man Stück für Stück und mit jedem Armreif mehr ein Teil davon.

Mit diesem wunderbaren Gefühl ging ich als es draußen schon dunkel geworden war ( doch, müsst ihr euch das indische Dunkel ganz anders vorstellen, als das in Deutschland, der Himmel leuchtet trotzdem die ganze Zeit ein bisschen rosa, sodass der Mond und die Sterne nie ganz klar zu sehen sind.) erneut mit meinen Gasteltern in die Stadt, wir setzten uns in ein kleines Cafe am Straßenrand und ich aß eine weitere wirklich tolle Spezialität „Faluda“, was als indische Eiscreme bezeichnet wird, mit Eis hat das zwar nicht viel zu tun, da Faluda aus süßen Nudeln, einer sehr dickflüssigen und sehr süßen Kokosnusssoße und ein bisschen Eiskonfekt besteht.
Ich mochte das unglaublich gerne!
Damit ließen wir den Abend und mein wunderschönes Wochenende bei meiner Gastfamilie ruhig ausklingen, ich musste mich nicht von ihnen verabschieden, denn zu meinem großen Glück werde ich auch das letzte Wochenende mit ihnen verbringen.

Während ich immer besser darin werde, mir meinen eigenen Weg durch die Menschen zu suchen, empfinde ich die vielen Blicke, die mir zugeworfen werden plötzlich wie eine Einladung zu einem netten Gespräch.
Vielleicht braucht es wirklich diese Zeit hier in Indien um den Rätseln und Eigenarten dieses Landes auf den Grund zu gehen.

Als ich im NCCI dann auf Amelie, Christina und Vivi traf feierten wir noch ein bisschen unser Bergfest, jaja, ihr habt richtig gehört, heute in zwei Wochen werden wir hoffentlich wohl behalten in der Heimat landen und von unseren Familien in den Arm genommen werden.
So sehr ich mich auch auf diesen Moment freue, habe ich doch schon jetzt eines ganz sicher gelernt, wir alle haben Bilder von Dingen, Menschen oder eben auch Ländern, mancher würde diese Bilder vielleicht auch als Vorurteile bezeichnen.
Auch ich hatte mein wunderschönes Bild vom bunten Indien, großen Märkten und strahlenden Palästen.
Die Wahrheit ist allerdings eine ganz andere.
Bilder müssen zerstört werden um nicht länger einfach nur Bilder zu sein.
Für mich, gab es viele zerstörte Bilder in der letzten Zeit und auch Bilder von denen ich ganz genau wusste, dass sie hier existieren, hätte ich mir doch niemals so real vorgestellt, dazu gehören die bunten Märkte, die ich an diesem Wochenende gesehen habe ebenso wie die bettelnden Frauen aus dem Slum, die ihre nackten Kinder auf dem Arm tragen und auf den Straßen an jeder Autoscheibe um Geld betteln.

Mir hatte jeder gesagt, dass mich Indien schocken wird und das hat es auch schon oft genug getan doch wenn man sich auf die Suche nach den Träumen macht, die man mit Indien einmal verbunden hat, dann entdeckt man die paradiesischen Bilder an jeder möglichen Straßenecke.

Es ist und bleibt ein Land der Gegensätze und wer den Mut aufbringt genauer hinzusehen, wird hinter so viel Schmutz und Armut auch auf so viele schöne und bunte Farben treffen und allein dafür hat sich die Reise schon gelohnt.

Maxi

1 Kommentar:

  1. Liebe Maxi,

    Gratulation zum Bergfest - und zur Kurta, die Du hoffentlich bei Gelegenheit einmal in der kalten Heimat vorführen wirst!

    Herzliche Grüße auch an den Rest der Mannschaft!

    Peter Maser.

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