Jedes Erwachen in meiner Gastfamilie
verspricht einen guten Morgen, wenn die leisen Schritte des
Familienlieblings Muffin, einem goldener Retriever, vor meiner
Zimmertür zu hören sind und das Wasser im Teekessel leise beginnt
zu pfeifen, schlage ich die Augen auf und habe unglaublich große
Lust aufzustehen und dem Tag zu begegnen.
Und auch als ich diesen Morgen aufstand
und aus dem Zimmer ging, kam mir meine Gastmutter mit einem breiten
Grinsen auf dem Gesicht entgegen und reichte mir eine kleine Tasse
Chai Tea (natürlich, Tea at first)
Frühstücken muss ich übrigens und zu
meinem großen Glück kein indisches Frühstück, alias Reis oder
Kartoffelmatsch mit scharfer Soße, nein, ich bekomme frisches Toast
und Eier, extra für mich zubereitet und eben dies macht das
Frühstück somit zu einer meiner Lieblingsmahlzeiten!
Nach Beenden des Essens, was wirklich
viel Zeit in Anspruch nimmt, da am Tisch in der Küche nur vier
Stühle sind und die Familie aus sieben Familienmitgliedern besteht und
deshalb in Etappen gegessen wird, während die Frauen ganz zum
Schluss dran sind, da sie stets für das Servieren des Essens
verantwortlich sind, ging ich mit meinen Gastschwestern ein wenig die
Gegend erkunden.
In der Siedlung, dich nicht weit vom
National Airport entfernt ist, gibt es unglaublich viele kleine
Tempel, die oft gar nicht als solche zu erkennen sind, da sie oft wie
ganz normale Häuser aussehen.
Betritt man diese aber, ist es jedes
Mal, wie in einen Traum aus tausendundeiner Nacht einzutauchen.
Der Raum ist vom dichten Nebel der
Räucherstäbchen eingehüllt, auf dem Boden liegen Kokosnussschalen
die man Ganesha, dem Elefantengott, der Früchte über alles liebt,
geopfert hat und der Glanz, der von den bunten Götterfiguren
ausgeht, lässt selbst die schlichtesten Tempel wie kleine Paläste
aussehen.
Ich bin immer wieder begeistert von
dieser Atmosphäre.
Als wir von unserem kleinen Spaziergang
zurück kamen, warteten meine Gastmutter und mein Gastvater bereits
auf mich, so oft wie ich davon spreche, dass ich die Frauen in ihren
bunten Gewändern unvergleichlich schön finde, ist es gar kein
Wunder, dass sie einen kleinen Shoppingausflug für mich geplant
hatten.
Ich war voller Vorfreude als wir durch
die Straßen fuhren und der Altstadt von Nagpur immer näher kamen,
an jeder Ecke ein kleiner Stand mit bunten Tüchern, goldenem
Schmuck, aufgebrachten Händlern und hin und wieder eine Kuh, die das
ganze bunte Treiben misstrauisch musterte.
Es war unglaublich toll, dass meine
Gasteltern ausgerechnet den Ort des ursprünglichen Handelns
ausgesucht hatten und mich nicht in irgendeine Mall schleppten, die
man wohl irgendwie überall auf der Welt findet.
Nein, ich war, sobald ich aus dem Auto
stieg ein Teil der bunten Menge. Meine Gastmutter nahm mich an der
Hand, da um mich herum nur Menschen waren, Menschen und Motorräder
und hin und wieder ein Auto, obwohl die Straßen eigentlich viel zu
klein für ein solches waren und alles lief und fuhr kreuz und quer
und dazwischen Schreie, Hupen und weinende Kinder auf den Armen ihrer
Mütter.
Ich ließ mich sofort von dem bunten
Treiben mitreißen und lief einfach mit dem Strom, es war genau das,
was ich mir von Indien vorgestellt hatte und weit ab von Kalmeshwars
Einöde und der kleinen, ruhigen Oase, die NCCI für uns darstellte
spürte ich zum ersten Mal das indische Leben überall um mich herum.
Gleich der erste Laden den wir
betraten, ließ mich aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen.
Frauen saßen um einen Haufen bunt
funkelnder Stoffe herum und feilschten um die sowieso schon niedrigen
Preise.
Wohin man sah war es bunt und leuchtend
und viel zu viel als dass ich mich wirklich für etwas hätte
entscheiden können.
Zum Glück hatte ich bereits eine
Leggins erworben, eine Grasgrüne und so als wäre sie für mich
bestimmt, strahlte mich aus einem großen, bunten Haufen eine
strahlende korallenfarbene Kurta an.
Sie war schon ohne das Anprobieren
sofort gekauft.
Meine erste indische „Tracht“ ist
also eine Kurta mit Leggins, dabei könnt ihr euch eine Art große
Tunika vorstellen, die man über eine hautenge Leggins zieht, vor
allem für die jungen Frauen hier stellt das die alltägliche
Kleidung dar.
Ich schlenderte noch durch einige
weitere Geschäfte, kaufte ein paar Bindis, probierte ein paar
Bananen von einem kleinen Obststand und als ich mir eine Kokosnuss
bestellen wollte, traf ich auch noch auf Deutsche, die ebenfalls
soziale Arbeit in einem umliegenden Dorf allerdings für elf Monate
ausführten.
Meine Gasteltern luden sie ebenfalls
auf eine Kokosnuss ein und so saßen wir alle gemütlich an der
Straße schlürften Kokosnussmilch und ich erfuhr, dass eine der
Freiwilligen aus Halle kommt und eine gute Freundin hat, die
ehemalige Pfortenserin ist.
Ja hätte mich auch gewundert, wenn ich
unserer Spezies oder wenigsten welchen, die von uns gehört haben mal
nicht begegnet wäre.
Mittlerweile war es 15.00 Uhr und seit
dem Frühstück hatte ich nichts gegessen, was mich tatsächlich dazu
veranlasste den Lunch nicht einfach nur zu essen, nein ich schlang.
Dabei musste mir wohl entfallen sein,
wie scharf indisches Essen sein kann und so bekam ich den vollen
Nachgeschmack der Chilischoten mit dem letzten Bissen zu spüren und
oh mein Gott, ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie etwas
derartiges gegessen.
Ich musste wohl einen Feuerball
verschlungen haben, der nun auch noch veranlasste, dass sich
sämtliche meiner Tränendrüsen öffneten und ich die Schärfe raus
heulte.
Meine Gastmutter verzog zu erst ein
wenig den Mund und begann dann lauthals zu lachen.Nach dem Essen folgte wie immer eine Rest, die ich allerdings nicht wirklich mit ausruhen verbrachte sondern damit in meine Kurta zu schlüpfen und mich stundenlang im Spiegel zu betrachten.
Dazu sei gesagt, dass wirklich niemand
in einem indischen Gewand schöner aussieht als eine Inderin, doch,
es ist schon unglaublich, wie diese Farben einen plötzlich viel
bunter werden lassen. Sie füllen einen mit Leben, das bisher nur um
uns herum existiert hat.
Plötzlich wird man Stück für Stück
und mit jedem Armreif mehr ein Teil davon.
Mit diesem wunderbaren Gefühl ging ich
als es draußen schon dunkel geworden war ( doch, müsst ihr euch das
indische Dunkel ganz anders vorstellen, als das in Deutschland, der
Himmel leuchtet trotzdem die ganze Zeit ein bisschen rosa, sodass der
Mond und die Sterne nie ganz klar zu sehen sind.) erneut mit meinen
Gasteltern in die Stadt, wir setzten uns in ein kleines Cafe am
Straßenrand und ich aß eine weitere wirklich tolle Spezialität
„Faluda“, was als indische Eiscreme bezeichnet wird, mit Eis hat
das zwar nicht viel zu tun, da Faluda aus süßen Nudeln, einer sehr
dickflüssigen und sehr süßen Kokosnusssoße und ein bisschen
Eiskonfekt besteht.
Ich mochte das unglaublich gerne!
Damit ließen wir den Abend und mein
wunderschönes Wochenende bei meiner Gastfamilie ruhig ausklingen,
ich musste mich nicht von ihnen verabschieden, denn zu meinem großen
Glück werde ich auch das letzte Wochenende mit ihnen verbringen.
Während ich immer besser darin werde, mir
meinen eigenen Weg durch die Menschen zu suchen, empfinde ich die
vielen Blicke, die mir zugeworfen werden plötzlich wie eine
Einladung zu einem netten Gespräch.
Vielleicht braucht es wirklich diese
Zeit hier in Indien um den Rätseln und Eigenarten dieses Landes auf
den Grund zu gehen.
Als ich im NCCI dann auf Amelie,
Christina und Vivi traf feierten wir noch ein bisschen unser
Bergfest, jaja, ihr habt richtig gehört, heute in zwei Wochen werden
wir hoffentlich wohl behalten in der Heimat landen und von unseren
Familien in den Arm genommen werden.
So sehr ich mich auch auf diesen Moment
freue, habe ich doch schon jetzt eines ganz sicher gelernt, wir alle
haben Bilder von Dingen, Menschen oder eben auch Ländern, mancher
würde diese Bilder vielleicht auch als Vorurteile bezeichnen.
Auch ich hatte mein wunderschönes Bild
vom bunten Indien, großen Märkten und strahlenden Palästen.
Die Wahrheit ist allerdings eine ganz
andere.
Bilder müssen zerstört werden um
nicht länger einfach nur Bilder zu sein.Für mich, gab es viele zerstörte Bilder in der letzten Zeit und auch Bilder von denen ich ganz genau wusste, dass sie hier existieren, hätte ich mir doch niemals so real vorgestellt, dazu gehören die bunten Märkte, die ich an diesem Wochenende gesehen habe ebenso wie die bettelnden Frauen aus dem Slum, die ihre nackten Kinder auf dem Arm tragen und auf den Straßen an jeder Autoscheibe um Geld betteln.
Mir hatte jeder gesagt, dass mich
Indien schocken wird und das hat es auch schon oft genug getan doch
wenn man sich auf die Suche nach den Träumen macht, die man mit
Indien einmal verbunden hat, dann entdeckt man die paradiesischen
Bilder an jeder möglichen Straßenecke.
Es ist und bleibt ein Land der
Gegensätze und wer den Mut aufbringt genauer hinzusehen, wird hinter
so viel Schmutz und Armut auch auf so viele schöne und bunte Farben
treffen und allein dafür hat sich die Reise schon gelohnt.
Maxi
Liebe Maxi,
AntwortenLöschenGratulation zum Bergfest - und zur Kurta, die Du hoffentlich bei Gelegenheit einmal in der kalten Heimat vorführen wirst!
Herzliche Grüße auch an den Rest der Mannschaft!
Peter Maser.