02.01.2014

Have faith, hope and charity

Für uns hieß es heute: Auf nach Kalmeshwar! Nach einer letzten Warli-Stunde - weg von Papier und Bleistift, heute malten wir mit schwarzer und weißer Farbe auf Dosen aus Holz -, verabschiedeten wir uns vom NCCI und allem, was dazugehört, und stiegen in einen Bus Richtung Prerana-School, wo wir in den nächsten Wochen die meiste Zeit verbringen werden. Nach einer etwa einstündigen Fahrt, während derer wir gefühlte fünfzehn Lastwagen gestreift sowie drei Fußgänger beinahe überfahren hätten (aber lassen wir das Thema Verkehr, das war wahrscheinlich schon beim ersten Mal für euch längst nicht so interessant wie es für uns ist), kamen wir auf dem Gelände der Prerana-School an, und man kann sagen, dass es beinahe genauso schön ist wie das NCCI. Staub und Blumen vermischen sich mit Sonnenlicht und Müll zu einer unwirklichen Atmosphäre, die wir immer noch nicht greifen können.
  Schon blickten uns aus den Fenstern Kindergesichter entgegen, aber bevor wir sie kennenlernten, hatten wir ein kurzes Gespräch mit dem Mann, der diese Schule für geistig behinderte Kinder eröffnete, um ihnen eine Chance für die Zukunft zu bieten: Father Bijesh, der selbst einen Sohn hat, der geistig behindert ist (seinetwegen hat Bijesh die Schule ins Leben gerufen). Nach einem kurzen Rundgang und dem Lunch - bestehend aus Reis, Fladenbrot, Reis, Dal, Reis, Gemüse (nennt sich Lady's Finger, wir haben noch nicht ganz rausgefunden, was es damit auf sich hat), Reis und noch mehr undefinierbarem Gemüse -, haben wir am Unterricht der Kinder teilgenommen. Hier gibt es drei Klassen mit unterschiedlich vielen Kindern, das jüngste ist fünf, das älteste vierundzwanzig. Wir teilten uns in zwei Gruppen, Amelie und Maxi gingen in eine Klasse und Vivi und ich in eine andere. Da der Lehrer noch nicht da war, sollten wir selbst schon etwas Unterricht geben, nur leider waren wir darauf nicht besonders gut vorbereitet. Offiziell fängt unsere Arbeit hier nämlich erst morgen an, heute sollten wir nur beobachten, um uns darauf einzustellen, auf welchem Stand die Kinder sind. So taten Vivi und ich das, was M-ies am besten können: Singen. Was kann besser sein, als englische Begriffe mit einer Melodie und Bewegungsabläufen zu kombinieren? Für eine Viertelstunde taten Vivi und ich also nichts anderes, als Head, Shoulders, Knees and Toes, Knees and Toes zu singen, die Begriffe zu wiederholen, wieder zu singen. Und die Kinder machten mit, manche lernten schnell, manche weniger, und schienen trotzdem alle Spaß zu haben. Dass die Koordination nicht immer funktionierte und man statt den Mund die Ohren berührte, kam natürlich auch öfter vor, aber damit sind ja selbst manche in unserem Alter in Pforte überfordert. Als der Lehrer schließlich kam, mussten wir feststellen, dass er kein Englisch kann. Wir versuchten, uns mit ihm zu verständigen, aber irgendwann ging er einfach und holte Bibi als Vermittlerin. Wir sind eben auf dem Dorf und nicht mehr länger in der Stadt, wo Englisch, wenn auch nur gebrochenes, normal ist. Hier können wir von Glück reden, dass Father Bijesh sehr gut Englisch spricht. Also haben wir einfach ein weiteres Lied mit den Kindern gesungen, den Früchtekanon (natürlich nicht als Kanon), der sich als etwas problematischer herausstellte. Nach dem Unterricht waren Outdoor-Spiele geplant, die Kinder rannten, hüpften, hatten Spaß und spielten ein Spiel, bei dem sie Wasser von einem Gefäß ins andere transportieren mussten, und wir vier saßen mittendrin, umschwärmt von Kinderlachen und fröhlichen Stimmen. Anfangs hatte ich Angst davor, nicht zu wissen, wie wir mit den Kindern umgehen sollen, die es so viel schwerer haben als wir. Aber als wir dort saßen, Fotos machten und sahen, wie zufrieden die Kleinen sind, realisierten wir, dass sie sich keinesfalls von der Gesellschaft ausgestoßen und allein fühlen, sondern einfach nur glückliche kleine Kinder sind, erfüllt von der Gemeinschaft und dem Lachen, das sie sich alle miteinander teilen und das scheinbar nie endet. Diese Erkenntnis hat den Tag unglaublich schön gemacht und uns sämtliche anfängliche Unsicherheit genommen, denn es scheint nichts zu geben, das man falsch machen kann. Die Kinder sind begeistert von uns - besonders aber von Amelies Kamera - und sie lieben es, wenn wir ihre Hände streicheln oder Fotos von ihnen machen, und wir lieben es, dass die Kinder anfangen herumzuhüpfen, wenn sie aufgeregt sind. Besonders gern haben sie es, wenn wir sie an den Händen halten und mit ihnen gemeinsam herumhüpfen. Da wir ihnen keine Spiele erklären konnten, haben wir einfach kurzerhand Laurenzia mit ihnen getanzt, und dass die Kinder kein Wort verstanden haben, war egal, denn darum ging es ja auch nicht. Es ging um die Musik, ihre Hände in unseren und das leise Kinderlachen, das einem von ihnen immer wieder entschlüpfte. Und außerdem konnten wir so unauffällig nur bis Donnerstag tanzen, da keiner das Lied kannte.
  Anschließend zogen wir uns erst einmal in unsere Zimmer zurück (Die sind übrigens von der Decke bis zum Boden ganz in Rosa gestrichen, in dem Zimmer von Vivi und mir hängt außerdem ein äußerst geschmackvolles Poster mit weißen galoppierenden Pferden vor einem Sonnenuntergang mit der Aufschrift Have faith, hope and charity. That's the way to live successfully. Diese Poster sind hier überall im Haus verteilt, aber ich finde, wir haben das allerbeste), sprühten uns zum tausendsten Mal mit Moskitoschutz ein, denn die sind hier überall, und wurden dann von Bibi abgeholt, die uns den nahegelegenen Kiosk zeigte. Ein Kiosk - das heißt für uns Essen ohne Reis oder undefinierbaren Gemüsematsch. Wir bestellten gleich noch etwas zu trinken und entdeckten die leckerste Süßigkeit der Welt: Son papadi. Sieht ein bisschen aus wie in Quader gepresste Katzenstreu, schmeckt aber unglaublich gut, vor allem als eins der wenigen Dinge, die wir hier vertragen, wobei wir uns langsam an das Essen gewöhnen. Auf die Frage hin, was son papadi genau sei, übersetzte Bibi uns: Blumen mit Zucker. Also die ideale Süßigkeit für uns. Die Kioskbesitzerin versprach uns gleich, dass wir in den nächsten Tagen noch einmal bei ihr vorbeikommen können und sie uns dann typische indische Frisuren machen wird. Jeder, mit dem wir bis jetzt zu tun hatten, ist so unglaublich freundlich und entgegenkommend, wahrscheinlich haben sie alle diese Pferdeposter mit Lebensweisheiten in ihren Zimmern hängen.
  Kurz darauf waren wir wieder bei Father Bijesh zu Tee und Essen eingeladen, obwohl eine Mahlzeit zwischen Lunch und Dinner eigentlich nicht üblich ist. Für Vivi und mich wurde sogar extra vegetarisch gekocht, leider ist auch deren "nicht scharf" für uns beinahe unerträglich. Aber wir sind ja hier in Indien, um indisch zu essen und nicht Pizza, auch wenn die bereits am zweiten Tag äußerst willkommen war. Die Freizeit bis zum Dinner verbrachten wir mit Skype und unserem Blog. Wir unterhielten uns beim Essen lange mit Father Bijesh über Religion in Indien. Was folgte, war eine weitere Einladung zu ihm nach Hause gleich nach dem Dinner. Dort zeigten wir ihm unsere Familienfotos aus der Powerpointpräsentation, die wir vorbereitet hatten, er fragte viel nach und war besonders fasziniert von den Bildern mit Schnee.
  Abends fielen wir in unsere Betten - die wir in der Mitte des Raumes zusammengeschoben hatten, damit wir nicht bei den Insekten an der Wand schlafen müssen -, aber wie so oft schliefen wir nicht, sondern redeten noch lange. Darüber, wie glücklich wir hier sind, und wie glücklich wir darüber sind, diese Entscheidung getroffen zu haben, hierher zu kommen, und darüber, wie wir die Spinnen loswerden.

Wir versuchen übrigens, das Bilderproblem zu lösen, indem wir ein Kabel kaufen, können aber nichts versprechen.

Christina 
 
 
 

1 Kommentar:

  1. "Soan Papdi auch Sohan papdi, Soam papdi, Sohan halva oder Patisa ist eine verbreitete südasiatische (Indien, Pakistan, Bangladesch) Süßigkeit. Sie hat eine rechteckige Form und wird aus Zucker, Kichererbsenmehl, Mehl, Ghee (Butterschmalz), Milch und Kardamom hergestellt. Die Konsistenz von Soan Papdi ist faserig-weich bis zu knusprig und blättchenförmig. Traditionell wird es am hinduistischen Festtag Diwali gereicht."

    Liebe Weltenbummler,
    wenn Soan Papdi so schmeckt und wirkt wie die israelische Halva, dann rate ich zur Vorsicht. Das Zeug schmeckt herrlich, aber nur ein wenig zu viel davon und Bauchschmerzen sind garantiert.
    Bedenklich stimmt mich natürlich auch dieser Wikipedia-Hinweis: "Halva bzw. Halawa ist zudem die Bezeichnung für ein hauptsächlich aus Zucker und Zitronensaft bestehendes orientalisches Haarentfernungsmittel." Na da!
    Alles Gute und mit besten Grüßen aus dem frühlingshaften Saaletal
    Euer Peter Maser.

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